Sonntag, 11. Oktober 2026

So isses, Musik!#221

DEUTSCHPUNK-FEGEFEUER:

Fliehende Stürme – Netzte

Raphi:

 "Über Fliehende Stürme könnte man Bücher schreiben. Das 2011 erschienene Album „Warten auf Raketen“ hat mich in der einen oder anderen depressiven Episode begleitet. Ob das gut war? Schwer zu sagen, aber immerhin bin ich noch da, um davon berichten zu können. Und ich finde, das ist es, was Fliehende Stürme ausmacht: inmitten all der Hoffnungslosigkeit, die in den Liedern thematisiert wird, motiviert sie doch zum Weitermachen. Und von genau diesem Gefühl von Stillstand handelt der fantastische Song „Netzte“."

Philipp:

"Wie sehr ich den Output von Andreas Löhr liebe, klang ja sicherlich in den Chaos-Z-Reviews bereits durch. Fliehende Stürme ist für mich persönlich eine der konsistentesten und prägendsten deutschen Punkbands, dieser einzigartige, düstere Stil, diese großartigen Texte zwischen völliger Verzweiflung und einem Fünkchen Hoffnung. "Warten auf Raketen" ist sicherlich nicht mein Lieblingsalbum der Band, aber auch der spätere Output kann sich durchaus sehen lassen. Einfach eine Band, die nie enttäuscht und nie auch nur einen Funken an Energie und Dringlichkeit verloren hat." 

Gregor:

Alles klar, das Lied heißt tatsächlich "Netzte". Ich dachte, die ganze Zeit es wäre irgendwie ein Rechtsschreibfehler. Das erste Mal und tatsächlich das einzige dass die Stürme hier vorkommen. Meiner Meinung nach sind sie eigentlich schon kein Deutschpunk mehr sondern irgendwas zwischen Deutschpunk und Death Rock bzw. irgendwas undefinierbares aus der dunklen Goth-Schublade. Eine Band, die ich tatsächlich sehr gerne höre - allerdings inzwischen viel zu selten. Aber wenn ich sie höre, dann ebenso gerne wie ChaosZ (also so wie sie hießen, bevor sie sich in Fliehende Stürme umbenannt haben). Aus dem Album "Warten auf Raketen" von 2011, dass ich so gar nicht auf dem Schirm hatte. Ich glaube, ich sollte mal irgendwann entweder die komplette Disco oder so ein Erstes/Letztes Album-Vergleich hier machen. Das wäre ganz spannend. Was hier sehr gut miteinander funktioniert ist dieser minimalistische, monotone Gitarren/Schlagzeugstil der nach Traurigkeit klingt als auch die markante Stimme von Andreas Löhr. "Es hat sich nichts verändert, es hat sich nichts verändert, es hat sich nichts verändert, du hängst fest - in diesem Netz". Was für ein großartiger Move: Immer wieder einen Satz zu wiederholen um zu zeigen, dass sich nichts verändert hat. Es geht um einen ergreifenden, monotonen Stillstand, der einfach nicht aufhören will. Der ganze Song ist so monoton und verändert sich kaum. man könnte wirklich nicht besser einen Song über Monotonie und Stillstand kreieren. Großartig.

Die Fremden – 1990

Gregor:

Ich habe diesen Song irgendwann auf einer Compilation entdeckt. Ob es "Die Deutsche Punkinvasion" oder "Schlachtrufe BRD" gewesen ist, kann ich leider nicht mehr sicher sind. "Die ewigen Phrasen kann ich nicht mehr hören/Wer immer nur redet, hat nie gelebt". Dem stimme ich zu. Für eine Deutschpunk-Band ist das sowohl musikalisch als auch textlich alles andere als stumpf. Sogar mit einem kurzen Gitarrensolo. Das ganze Ding hat was apokalyptisches an sich. Ich finde es hört sich an wie ein Zeugnis aus einer schwierigen Zeit: "1990, Wahnsinn total, zuckersüße Endzeit". Stell dir vor, die gesellschaftlichen Stünde verändern sich plötzlich radikal und dein persönliches Leben macht dir Schwierigkeiten - du kannst im Alltag einfach nicht mehr. "Gewohnheit heißt die tägliche Qual". Ja, genau so ist es. Ich würde gerne wissen, was aus dieser Band geworden ist. Es gibt nämlich nur zwei Alben und es ist mir unklar, was danach geschehen ist. Großartiges Lied.

Philipp:

"Ich bin mir sehr sicher, dass dieses Lied auf irgendeinem Punk-Sampler war, den ich mir mit 15 Jahren regelmäßig angehört habe. Mit 15 konnte ich mit dieser Art von Punk sehr sicher aber auch überhaupt nichts anfangen, was erklärt, dass mir der Name kaum geläufig war. Schade drum. Etwas lärmiger, düsterer Punk fernab ausgelatschter Klischees mit einem durchaus apokalyptischen Text. Wirklich großartig." 

Raphi:

"Diese Band ist komplett an mir vorbeigegangen. Und ich finde es wirklich schade, weil die Musik von den Fremden echt cool ist. Abseits vom pöbelnden rumpelnden und dröhnenden Schepper-Deutschpunk wird hier ein düsterer und gleichzeitig farbenfroher Sound zum Besten gegeben. Ohne viel Hintergrundwissen zu haben, tippe ich hier mal auf Studentenpunk, was auch zur Heimatstadt Göttingen passen würde. Aber ich weiß es doch auch nicht. Schöner Song, cooler Refrain, und sehr angenehmer Gesang."

Fuckin' Faces - Neue Wege

Philipp:

"Die Fuckin' Faces aus dem ehemaligen Zonenrandgebiet waren 1990 die wohl erste Punkband mit Mitgliedern sowohl aus der ehemaligen DDR als auch aus der BRD und in den frühen 2000ern über weite Strecken meine absolute Lieblingsband.
Nach wie vor haben die 3 regulären Alben der Band einen festen Platz in meinem Herzen. Unangefochten rangiert das zweite Album "Neue Wege" in meiner Top 10 der deutschen Punk-Alben. Melodischer Deutschpunk deutlich amerikanischer Prägung mit durchdachten Texten über unter anderem Krieg, Tod, Sterbehilfe, Tierrecht, die Auseinandersetzung mit der Punkszene der 90er Jahre und Bier trinken mit Freunden und dazu Butz' unverkennbare Stimme. Große Liebe."

Raphi: 

"Die Faces sind eine meiner Lieblingsbands, obwohl ich sie eigentlich nie so richtig gehört habe. Ich habe sogar ein Shirt. Komm mir nicht mit "Name Three Songs"; ich kann nicht mal zwei nennen. Und ich glaube, ich habe die Fuckin' Faces ein paar mal live gesehen. In Stuttgart, in Harnrode und vielleicht auch in Obersuhl. Das Werratal hat einen festen Platz in meinem Herzen, und Werratal ohne Fuckin' Faces ist wie Shakshuka ohne Ei. Zum Lied "Neue Wege" kann ich auch was sagen. Es ist so einfach und so wahr. Punk heißt Veränderung. Dazu klingt das Ganze ein bisschen wie die viel coolere Version von allem was Der Dicke Polizist je gemacht hat. Ich lieb's."

Gregor:

Ich hatte ehrlich gesagt, immer nur einen Song von Fuckin' Faces auf dem Schirm: "Gestorben für den Wohlstand". Darin geht es um Tierrechte bzw. Tierquälerei. Mochte diesen Song wirklich sehr sehr gerne. Das hier, also "Neue Wege" handelt von "Punk als Veränderung" bzw. von einer Abkehr von strunzkonservativer Punk-Szene, die sich niemals neu erfindet und keine äh neue Wege sucht. Das ist tatsächlich sehr löblich. Der Text ist wirklich sehr gut gemeint. Ich finde es ehrlich gesagt sehr sehr gut, dass man sich kritisch gegenüber der eigenen Szene äußert und nicht immer alles sektenartig "schluckt" und zu allem "Ja" sagt. Allerdings gefällt mir das musikalisch nicht wirklich. Es ist so quietschig und schunkelhaft: "Deeenn Punk hei-ßt ver-ään-der-uuuuung". "Du kannst vari-iereeen, doch lass dich nicht irrietieren!". Das tut mir weh, das zu hören. Das klingt irgendwie erzwungen. Und dann auch noch diese Reggae-Gitarre im Mittelteil. Ich weiß auch nicht. Meins ist es nicht. 


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FROM FIRST TO LAST: Anthrax

Wenn ich dieses "From First To Last" mache, habe ich tatsächlich die Big Four des Thrash Metal auf diesem Blog vertreten. Anthrax und Megadeth hier - und volle Discographies von Metallica und Slayer. Hachja...Anthrax waren in meiner Jugend durchaus vertreten - allerdings mit ihrem dritten Sänger John Bush. Das Album "We've Come For You All" hat es mir damals sehr angetan. Deswegen war ich äußerst verwirrt als ich erfahren habe, wie sie vorher klangen. Falls ihr andere Reviews über Anthrax lesen wollt, so guckt hier rein als auch hier. 

Jedenfalls ist das erste Album...

"Fistful of Metal" (1984)

Aufgenommen in der Besetzung: Scott Ian (git), Dan Spitz (git), Neil Turbin (voc), Danny Lilker (b) und Charlie Benante (dr). Ich glaube jeder kann sich an dieses absurde Albumcover mit zwei linken Fäusten erinnern. In meinem Schrank befindet sich ein Hommage-Longsleeve von Full of Hell, das glaube ich, ebenfalls zwei linke Fäuste verwendet. Bis jetzt kannte ich tatsächlich nur den Song "Metal

Thrashing Mad" - ich weiß nicht wie ich damals drauf gekommen bin. Jedenfalls ist das hier musikalisch durchaus ordentlicher Thrash Metal...Neil Turbins Gesang ist aber größtenteils so unglaublich hoch, dass es weh tut. Es ist wirklich sehr ungewöhnlich. Und Songtitel wie "I'm Eightteen" lassen eher Glam Metal Material Marke Poison vermuten. Das ist irgendwie wirklich verstörend, ich weiß nicht was ich damit anfangen soll. Dabei ist es eigentlich nur ein Alice Cooper Cover - das aber komplett falsch rüber kommt bei mir. Texttechnisch betrachtet ist dieses Werk wirklich sehr sehr stereotyp.

Dazu kommen allerdings so turbo Songs wie "Panic" die stellenweise nach Judas Priest klingen. Hauptsache äh Full Speed Ahead. Und dieses bescheuerte Falsetto zwischendurch immer und immer wieder. Das ist wirklich ein zweischneidiges Schwert. Der Sound ist cool und relativ simpel - bis dann Neil Turbins Gesang dazu kommt, der manchmal wirklich unfassbar nervig ist. Irgendwie klingt das noch nach einer Band die nicht so richtig ihren Sound gefunden hat. Ich finde Anthraxs spätere Werke deutlich, deutlich besser.

5/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Panic, Metal Thrashing Mad



Und das (bis jetzt) letzte Album heißt...
 
Cursum Perficio (2026)

Nein, es ist offiziell noch nicht das letzte Album von Anthrax - auch wenn der Titel auf Latein das irgendwie vermuten lässt. Aufgenommen in der Besetzung: Scott Ian (git), Jonathan Donais (git), Frank Bello (b), Charlie Benante (dr) und Joey Belladonna (voc).

Nun...wir sind quasi fast bei der klassischen Besetzung mit Joey Belladonna am Gesang. Ich weiß ehrlich gesagt nicht wirklich, was ich dazu sagen soll. Es geht los mit Shredder-Shredder-Riffs, Belladonnas Nicht-Falsetto aber melodischen Gesang und Gitarrensoli. Und so geht es auch erstmal
weiter. Die Texte sind alles andere Thrash Metal Klischees. Die Musik sowieso nicht - es ist nicht Uffta-Uffta, wie auf dem ersten Album. Es ist viel eher der Sound für den Anthrax bekannt sind - nur etwas "ruhiger", zumindest für meinen Geschmack.

Ich find's cool, dass hier ein Charakter vom Albumcover des Klassikers "Among the Living" zu sehen ist. Ebenfalls find ich's cool, dass Anthrax sich Zeit lassen und nicht ein Album nach dem anderen raushauen. Zwischen dem letzten Album "For All Kings" und diesem hier liegen 10 Jahre dazwischen. 

Allerdings ist es...bitte nicht falsch verstehen...irgendwie doch ein bisschen standard. Klar, sie machen das was sie wollen - und gleichzeitig das was die Fans wollen. Und es ist im Prinzip gut gemacht. Aber mich catcht es leider nicht wirklich. Es ist mir insgesamt leider doch zu generisch. Ich möchte daher keine Wertung abgeben.

Anspieltipps: It's For The Kids, Everybody's Got A Plan
Keine Bewertung




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Ulver Discography: 1993-2003: First Decade In The Machines (2003)

Wir befinden uns weiterhin in der Ulver-Sphäre. Eigentlich habe ich mir vorgenommen keine Compilations oder ähnliches zu reviewen, allerdings ist das hier durchaus interessant. Nachdem ich jetzt mit allen EPs durch bin und Singles nicht wirklich in Frage kommen weil sie das gleiche Material wie auf den Alben enthalten ist nun also dieses Album dran. "1993-2003: First Decade In The Machines" ist ein Rückblick auf die ersten zehn Jahre des Schaffens von Ulver. Es ist jedoch keine Best-Of oder ein Greatest Hits Album. Nein, eigentlich ist es streng genommen kein Album von Ulver. "First Decade..." ist ein Remix-Album dass Werke von Künstlern beinhaltet wie Alexander Rishaug, The Third Eye Foundation, Fennesz, Pita, V/Vm oder Merzbow. Und natürlich auch Ulver selbst.


Sie remixen nämlich zuerst den Song "Nattens Madrigal" von der ersten Demo "Vargnatt" und nennen ihn um in "Crack Bug". Aus "Speak Dead Speaker" von "Silence Teaches You How To Sing" wird schlicht "Der Alte" - eine Art Mini-Hörspiel auf Deutsch in welchem ein alter Mann sich auf depressive Weise mit jemanden darüber unterhält, dass es nicht viel ausmachen wird, wenn er stirbt. "Bog's Basil & Curry Powder Potatoes Recipe" von Bogdan Raczyński ist in Wirklichkeit "The Voice of the Devil" von "Themes from William Blake's Marriage of Heaven and Hell" und hört sich an wie ein Videospiel-Soundtrack für Sega Genesis (nicht NES, tatsächlich eher Sega). Merzbow schießt am Ende endgültig den Vogel ab und verwandelt verschiedene Songs von "Bergtatt" und "Nattens Madrigal" in einem unhörbaren Harsh Noise Track der am Ende tatsächlich einen Bruchteil von Gitarrenriffs vorweist.

Kein Gesang. Null. Ulver können ja sehr gut experimentieren - aber es wird noch mal eine Ecke weirder wenn sie andere Leute an ihre Werke lassen. Es ist ganz schön abgefahren geworden und keineswegs immer gleich sondern immer unterschiedlich: Mal irgendwie quietschbunt, mal richtig verstörend und mal unglaublich ruhig und äh ambientig. Das Wort mag ich sehr gerne.

Fazit: Immer noch nichts schlechts von Ulver. 
8/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Vow Me Ibrzu, Track Slow Now, Crack Bug




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