Sonntag, 30. August 2026

So isses, Musik!#218

DEUTSCHPUNK-FEGEFEUER:

In dieser Ausgabe ist es vorbei mit dem Buchstaben D und wir gehen mit E weiter. Somit nehmen wir uns vor...


Raphi:

"Musikalisch wird hier immer wieder die Grenze zwischen Depro-, Deutsch-, und Deutschpunk aufgelöst. Duesenjaeger sind meines Erachtens nach eine der wichtigsten Bands der zweiten und dritten Punk Rock-Welle in Deutschland. Und in den 2020ern, als viele Bands wie Bubonix, Amen 81, oder auch Hammerhead große Comeback feierten, gehörte auch das Album „Die Gespenster und der Schnee“ zu einer meiner liebsten Veröffentlichungen. Hier hätten einige Titel stehen können; ich habe mich für „Brandmelder“ entschieden."

Philipp:


"Eine der stabilsten und konsistentesten deutschen Punkbands, mittlerweile selbst netto deutlich über 20 Jahre auf dem Buckel. Sonic Youth und Wipers sind hierbei Religion und Herr Neumann ihr Hohepriester.
Kluge, aber nicht zu verklausulierte Texte und dabei ein ziemlich rauher Charme. Hier spielt die Band auf dem Boden und alle stehen in der ersten Reihe. Danke, Duesenjaeger." 

Ich:

Cooles Video. Ich glaube, der Drummer trägt ein T-Shirt der Powerviolence-Band "ILL!", wenn ich mich nicht irre. Der Name "Duesenjaeger" ist immer wieder vor meinen Augen aufgetaucht. Wahrscheinlich in irgendwelchen Reviews in der VISIONS oder der OX. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls habe ich bis grade eben noch keinen einzigen Song gehört. Keinen einzigen. Und meine Fresse, was habe ich verpasst. Es ist so fantastisch. Ich mag diesen Gesangsstil, irgendwo zwischen deutschsprachigen Hüsker Dü, EA80 und irgendwas aus Hamburg. Was die Instrumentals betrifft, so hört sich das, finde ich, auch relativ ähnlich an. Irgendwas zwischen traurig und doch so hoffnungsvoll. Ich mag das, ganz ehrlich und ich glaube dass ich nächstes Jahr ein Deutschpunk-Monat machen werde. Dazu haben mich jetzt speziell Duesenaeger gebracht.

Ich:

"Noch 3":

Ich habe EA80 für mich im Würzburger Plattenladen H2O entdeckt. Die "Alle Ziele" CD hat mich irgendwie angesprochen. Sie wurde angehört, gekauft und mit nach Hause genommen. Ich würde sie niemals hergeben. Ich liebe dieses schlichte Artwork und diese durchaus, sagen wir mal, deprimierenden Texte. Damals schon, also vor rund 18 Jahren (?) ist mir der Song "Noch 3" aufgefallen. Ich weiß nicht ob ich eine Trennung durchgemacht habe oder ob mich irgendwas anderes runter gezogen hat. Aber die Zeile "Drei Tage noch wirst du existieren in meinen Tränen, dann werd ich nicht mehr weinen und dich hat es nie gegeben" hat mich sehr beeindruckt. Ich weiß nicht ob es im Song um eine gescheiterte Beziehung geht oder um den Tod eines Mitmenschen. Aber das ist mir egal. Der Song ist mir trotzdem sehr wichtig.

"Tot sind wir noch lange nicht":

Alle Achtung. Dies ist eine Coverversion. Und zwar von EA80 selbst. Tatsächlich haben sie 2004 diesen Song von ihrem älteren Album "Vorsicht Schreie" noch mal aufgenommen. Ihr findet ihn irgendwo hier. Im Gegensatz zu "Noch 3" ist "Tot sind wir noch lange nicht" vielleicht nicht "aggressiv" aber definitiv "angriffslustig" und zumindest für meine Ohren der deutschpunkigste Song dieser nicht sehr deutschpunkigen Deutschpunkband EA80. Auch das Original schlägt in eine ähnliche Kerbe. Etwas "upbeat", etwas "zackiger". Und lyrisch natürlich erste Sahne. Es geht augenscheinlich darum, trotz aller Widrigkeiten wegen welcher man auf die Schnauze fällt immer wieder aufzustehen - oder um es anders auszudrücken, nicht nur Widrigkeiten entgegentreten sondern auch Leuten die es einen im Leben schwer machen. Mir gefällt die 2004er Version tatsächlich etwas besser weil sie in meinen Ohren gefestigter und aggressiver klingt.

Philipp:

"Noch 3" und "Tot sind wir noch lange nicht"

EA80 sind wirklich ein Phänomen, keine Internetpräsenz, kein Merch, Tonträger so gut wie nur Vinyl, alle 3-4 Jahre ein neues Album in gleichbleibend hoher Qualität und diese Konsequenz seit über 40 Jahren. Von den richtigen Leuten völlig zu Recht nahezu kultisch verehrt. Düster, sperrig, poetische Texte, absolute Ausnahmeband. Wer sie nicht kennt, möge sie kennen lernen.

Raphi:

"Noch 3"

"EA80 befassen sich ja selten mit den einfachen oder farbenfrohen Themen, und so ist auch "Noch 3" ein Ausflug in die dunkleren Gefilde des Seins. Wenn ich den Song richtig verstehe, geht es um Schmerzen, um gesellschaftlichen Druck, um Aushalten, und um Suizidalität. Wir sollten alle mehr über unsere Gefühle sprechen, und mehr EA80 hören. Ich liebe diese Band."

"Tot sind wir noch lange nicht":

"Panzerfaust heißt jetzt EA80; also schon seit 1980, aber das wollte ich nur mal eben erwähnen. Ich finde es faszinierend, wie sich die Band mit ihrem melancholischen Klang seit Jahrzehnten erfolgreich in den Sphären des Punks beweisen kann. Und der Songtitel spricht Bände, denn EA80 sind zum Glück noch immer da. Fun Fact: als ich in der TIDAL App nach dem Song gesucht habe, wurde mir „Wir ham‘ noch lange nicht genug“ von einer Band aus Hösbach vorgeschlagen. Naja…"

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FROM FIRST TO LAST: Die Toten Hosen

Nun sind wir also bei einer Band angekommen, die ich in meiner Jugend durchaus oft gehört habe. Allerdings ist mein Interesse irgendwann verflogen. Ich bin der Meinung, dass die komplette Discography hier meine Zeit und Kapazitäten sprengen würde. Genauso wie die Motörhead, Iron Maiden, Judas Priest oder so. Deswegen gibt es diese Rubrik hier. Wir betrachten also das erste Album

"Opel-Gang" (1983)

Aufgenommen in folgender Besetzung: Campino (voc), Andreas von Holst (git), Michael Breitkopf (git), Andreas Meurer (b), Trini Trimpop (dr)


Meine Fresse, habe ich dieses Album lange nicht gehört. Beziehungsweise, habe ich es überhaupt gehört? Ich glaube, ich habe in meiner Jugend schon fast alles von den Hosen mindestens einmal gehört. Allerdings ist die Erinnerung daran nicht wirklich hängen geblieben. Ich frage mich bloß, wieso. Vielleicht hat es mich damals nicht ganz angesprochen wie "Kauf MICH!" oder "Unsterblich". 

"Reisefieber" ist ein großartiger Song über eine Flucht nach vorn aus einem tristen Leben, dass einen doch nachholt. "Allein vor deinem Haus oder dein Vater der Boxer" ist eine witzige Geschichte über einen Jugendlichen der seine Angebetete besucht, nur um festzustellen dass ihr Vater seinen Konkurrenten verprügelt hat. "Kontakthof" handelt von Prostitution in Bordellen und hinterfragt das Ganze allerdings eher aus gefühlstechnischer Sicht, ohne jedoch den zwanghaften Charakter des Ganzen zu beleuchten. Immerhin stellt man sich die Frage ob Sex ohne Gefühle für Geld denn überhaupt das Richtige ist. In "Willi muss ins Heim" geht es nicht um einen Hund der zurück ins Tierheim muss sondern um die Unfähigkeit der Eltern mit ihrem schwierigen Kind umzugehen. So wird sinnlos mit einer Abschiebung ins Heim gedroht. Vom Titeltrack will ich gar nicht erst reden. Es ist eines dieser Punkrock-Hymnen die man sofort mitsingen kann, trotz des holprigen Gesangs.

Das Album ist kaum zu vergleichen mit den Werken von DTH aus den 1990ern oder den frühen 2000ern. Das war nämlich genau die Phase die ich mir reingezogen habe - größtenteils. Es ist ein...Punkrock-Album, stellenweise durchaus deutschpunkig, also nach ähnlichen Mustern von gängigen deutschsprachigen Bands der Zeit. Größtenteils durchaus kurze Punkrocksongs stellenweise gewürzt mit Post-Punkigen Elementen. Allein "Ülüsü" könnte aus dem Feder eines Post Punk Band stammen. Meines Erachtens ein schnelles, punkrockiges, jedoch abwechslungsreiches Album, dass ganz und gar nicht langweilig ist. Bis auf "Hofgarten". Schreckliches Lied.

Anspieltipps: Ülüsü, Reisefieber, Opel-Gang, Willi muss ins Heim
7,5/10 Pfandflaschen




und nun auch das letzte Album, weil Die Toten Hosen sich dieses Jahr offiziell auflösen. Es heißt

"Trink aus! Wir müssen gehen" (2026)

Aufgenommen in folgender Besetzung: Campino (voc), Andreas von Holst (git), Michael Breitkopf (git), Andreas Meurer (b), Vom Ritchie (dr)

Ich habe in meiner Jugend neben Hosen und einer gewissen Band aus Frankfurt auch die Ärzte gehört. Bin mittlerweile eigentlich der Meinung, alle drei gehören längst aufgelöst. Ich bin weiterhin der Meinung, dass zumindest DÄ komplett überflüssig geworden sind. Trotz alledem ist es doch ganz angenehm, zu Beginn des letzten Hosen-Albums Farin Urlaub zu hören. Und zwar im Song "Hier sind die Hosen". Er gibt sich betont ärzte-typisch ironisch. Es ist irgendwie erfrischend und gleichzeitig doch ganz schön. Weiterhin heißt es "Hamsterrad statt Looping-Bahn" in "Die Show muss weitergehen". Und es wird richtig schön typisch Toten Hosen. Ich hasse es. Alles ist irgendwie "alt", man blickt zurück auf das eigene Leben und irgendwie muss alles weiter gehen. Das habe ich schon tausend mal gehört.

"Schlechte Nachbarn" gefällt mir etwas besser. Mehr uptempo, mehr Punkrock. Was mir an diesem Album gefällt ist der Verzicht auf irgendwelche Songtitel die irgendwie nachdenklich sind. So heißt es hier "Lass mal nicht machen", "Was ist mit uns los", "Was früher einmal war". Dabei ist "Lass mal nicht machen" ein fürchterlich peinlicher Song über füchterliche Peinlichkeiten wie "im Rammstein T-Shirt zum Weltfrauentag unterwegs" oder "einen weißen Hai streicheln". Irgendwie soll das lustig sein, aber ich finde es nicht lustig. "Was früher einmal war" ist tatsächlich eine Reminiszenz auf die ganze frühere Karriere, gespickt mit typischen Hosen-Pathos. Ich könnte schwören schon mal sowas ähliches wie "Wir werden nie VERGESSEN woher wir gekommen siiiiiiind" aus Campinos Mund gehört zu haben. 

Und am Ende ist alles irgendwie scheißegal. Also mit "scheißegal" meine ich ein typisches Wort im DTH-Vokabular. Ich habe die Hälfte durchgehört und ich bin nicht wirklich schlauer draus gewort. Alles ist so typisch Hosen. "Oaaaah oaaah oooh oh", "Hoffnung", "Alles kommt in Ordnung", "Scheißegal" irgendwas irgendwas. Dabei geht es doch durchaus, dass man auf alles das verzichtet und endlich wieder sowas wie Punkrock macht. "Keine Macht den Proben" ist fantastisch. Aber insgesamt muss ich sagen, dass es mir leider sogar nicht taugt. Oder zumindest nicht halb so viel wie "Opel-Gang". Daran ändern auch einige der besten Cover-Songs auf dem Bonus-Album "Alles muss raus!" nichts.

4/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Keine Macht den Proben, Hier sind die Hosen


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Ulver Discography: Silencing The Singing EP (2001)

Nun sind wir also beim Nachfolger von "Silence Teaches You How To Sing" (diesen überlangen Song auf der gleichnamigen EP), der ähnlich heißt und zusammen mit der eben erwähnten EP auf "Teachings in Silence" wieder veröffentlicht wurde. 


Im Gegensatz zur vorherigen EP lässt man hier den Gesang komplett weg. Es ist weitaus mehr als ein einziges Ambient-Stück. Man bewegt sich (wie inzwischen gewohnt) irgendwo zwischen Trip-Hop (nach meiner Meinung) und einen gewissen Genre dass sich "Glitch" nennt. Letzteres hört sich genau danach an, was der Name auch beschreibt. Verschiedene Audio-"Fehler" in der Aufnahme, die aus beschädigter Hardware resultieren. Später hat man angefangen eben diese "fehlerhaften" Sounds mit vernünftiger Software zu reproduzieren. Ich weiß allerdings nicht ob Ulver hier mit kaputter Hardware gearbeitet haben oder diesen Sound "nachgeahmt" haben. Jedenfalls fühlt sich das hier an wie eine expandierte Version der vorherigen Veröffentlichung - die aber gleichzeitig noch mal introvertierter ist. "Silencing The Singing" hört sich ähnlich an, wie eine Tonaufnahme von einem defekten Radio in einem uralten Auto. Es ist düster und irgendwie creepy aber gleichzeitig familiär. Faszinierend jedoch doch so simpel.

8/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Darling didn't we kill you, Speak dead speaker, Not saved




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Was läuft sonst?

Feindesland - Teufelselexier (2026)

Was macht man eigentlich wenn man gotisch anmutenden Krächzgesang mit Electrobeats a lá Egotronic verbinden möchte? Was singt man da für Texte? Keine Ahnung, aber die Idee Bands wie Troopers, Rasta Knast, Tanzwut, Yohazid, Die Toten Hosen (da sind die schon wieder) und ASP dafür zu covern ist schon sehr außergewöhnlich und frisch.

Die Idee dazu hatte H. (Immer noch keine Ahnung, wie du wirklich heißt, Kollege!) und hat sie von Januar bis Juni 2026 umgesetzt. Ich bin ja Freund der Unterstützung von "kleinen" Musikern/Bands und daher dachte ich mir, es würde super gut in diese Rubrik hier passen. Wirklich großartige Beats die an frühe Egotronic (bevor sie zu einer Band mit Instrumenten wurden) bzw. Björn Peng erinnern. Also quasi "dunkles Kirmestechno" der kein dunkler Kirmestechno ist sondern irgendwas deutlich finsteres. Auf den ersten Blick eine durchaus eigenartige Mischung, die gleichzeitig zeigt dass verschiedene
Songtexte dafür da sind neuinterpretiert zu werden. Niemand hätte gedacht, dass "Ein Fehler der Natur" von Troopers als Dark Electro Song funktioniert würde. Man braucht einfach nur den Willen dazu und tatsächlich keine KI-Tools. Die beiden "gotischen" Coversongs (von ASP und Tanzwut) sind zwar ganz cool, aber mir gefallen die "punk" Coversongs (DTH, Troopers, Rasta Knast, Yohazid) viel viel mehr. Die ungewohnte Mischung macht es tatsächlich besonders. 

PS: Warum eigentlich "TeufelselExier" und nicht "TeufelselIxier"?

7,5/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Armee der Verlierer, Ein Fehler der Natur



Mittwoch, 26. August 2026

Film der Woche#693: Sanatorium pod klepsydrą (1973)

"Sanatorium pod klepsydrą" bedeutet wortwörtlich "Sanatorium unter der Sanduhr" und würde wohl stilistisch richtig betrachtet "Sanatorium zur Sanduhr" heißen. Allerdings lautet der offizielle deutsche Titel "Sanatorium zur Todesanzeige". Der Film stammt aus dem Jahre 1973 und wurde zuerst bei den Filmfestspielen in Cannes ausgestrahlt nachdem die Regierung der Volksrepublik Polen die Veröffentlichung im eigenen Land zuerst zurückgehalten hat. Regisseur war Wojciech Has. Eine der Hauptrollen spielt Tadeusz Kondrat - der Vater des inzwischen mehr als nur bekannten Marek Kondrat. In einer weiteren Rolle ist Szymon Szurmiej zu sehen, der unter anderem auch mehrere Stücke im Jüdischen Thater in Warschau inszeniert hat. Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Buch von Bruno Schulz, eines jüdisch-polnischen Autors, Malers und Literaturkritikers.


Wann genau sich die Handlung abspielt, kann man so sicher gar nicht sagen. Fest steht allerdings folgendes. Józef (Jan Nowicki) ist mit dem Zug unterwegs zu einem Sanatorium. Im Zug selbst befinden sich sowohl unter anderem schlafende halbnackte Frauen als auch ein blinder Schaffner. Angekommen, findet er den Weg zum Sanatorium. Dort möchte er nämlich seinen schwerkranken Vater (Tadeusz Kondrat) besuchen. Józef befürchtet nämlich, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Es stellt sich heraus, dass er faktisch betrachtet tatsächlich schon gestorben ist - in seiner Heimat. Hier in diesem Sanatorium ist allerdings alles etwas anders. Es scheint nämlich so, dass alle Patienten hier am Schlafen sind. Józefs Vater ist irgendwie in einem Dauerdämmerzustand und nicht ansprechbar - und das obwohl er eigentlich schon gestorben ist. Die Zeit hier ist tatsächlich "stehengeblieben" bzw. befindet sich auf einer Art anderen Ebene. So kriegen hier Menschen die Chance noch mal in ihr Leben zurückzukehren. So gelangt Józef zurück in seine Kindheit. Er trifft auf seine Mutter und lernt einen Jungen kennen der von Briefmarken und Geographie begeistert ist. Józef selbst spricht und verhält sich so als er wäre ein Kind und wird von anderen Menschen auch so behandelt. Es folgen mehrere Episoden aus seiner Kindheit die surrealer nicht sein könnten. 

Die Geschichte ist voll mit Anspielungen auf die Ereignisse nach dem ersten Weltkrieg, die Shoah und die polnische Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg. Alles ist durch eine Art surrealen Filter erzählt. So kriegt man nicht alles erklärt, sondern muss sich alles zusammenreimen. Spätestens als lauter orthodoxe Juden ihre Koffer packen und fliehen, weiß man allerdings was Sache ist. Auch das Józefs Gedanken/Träume nicht gerne gesehen werden und er dafür "verhaftet" werden kann ist meiner Meinung nach durchaus eine Anspielung auf das realsozialistische Zeitalter. Die ursprüngliche Geschichte ist auf jeden Fall autobiographisch gefärbt - allerdings wurde der Autor Bruno Schulz 1942 im Drohobyczer Ghetto erschossen und erlebte den polnischen Realsozialismus nicht. Allerdings jedoch 1939 die Besatzung durch die Rote Armee. So denke ich, dass man im Film versucht hat seine Erinnerungen irgendwie als unterschwellige Kritik des damaligen Realsozialismus umzudeuten, was auch zum Versuch der Zensur führte. Allerdings erschien das ursprüngliche Buch 1936, also vor den deutschen als auch sowjetischen Einmarsch in Polen. Ich würde das so interpretieren, dass der Film eine erweiterte Version des Buches ist. Der Film ist wirklich sehr surreal und voll mit merkwürdig klingenden Sätzen. Er wirkt wie ein Traum, der einfach nicht aufhören will. So kann es durchaus sein, dass er verstörend auf die Zuschauer wirkt. Nichtsdestotrotz ein surrealistisches Meisterwerk, dass etwas mehr Konzentration erfordert.

8,5/10 Pfandflaschen
Trailer:

 


Dienstag, 25. August 2026

Comic Book Review#691: Captain Carrot and his Amazing Zoo Crew!#1 (1982)

Eine weitere Leihgabe vom Kollegen M. Vielen Dank dafür. Diesmal muss ich wieder feststellen, dass ich diesen Comic schon mal gelesen und reviewt habe. Das ist aber schon so lange her, dass mir wahrscheinlich das eigene Review selbst nicht mehr gefällt. Naja, hier ist es. Ach nee, doch nicht. Es ist die #0. Aha. 

Es ist die Fortsetzung von Ausgabe#0. Tatsächlich. Superman ist auf der Earth-C angekommen, der Heimat von anthropomorphen Tieren. Einer davon ist Karikaturist Roger Rodney Rabbit, der insgeheim der springende Superheld Captain Carrot ist. Wie schon im vorherigen Review erwähnt, benehmen sich die anthropomorphen Tiere plötzlich wie...Tiere. Also wie ihre tierischen Vorfahren. Superman ist der Meinung, dass der Grund dafür die Strahlung vom Planeten Pluto ist. Also reisen Supes und CC dorthin um sich der Sache anzunehmen. Allerdings bleibt Superman dort "stecken", wie das verrate ich nicht.

Also hat Captain Carrot es nun als Aufgabe, seinen menschlichen Freund zu retten. Zurück auf der Erde, trifft er auf lauter illustre Gestalten. Neue tierische Superhelden, die alle ihre Kräfte durch Meteoriten bekommen haben, die plötzlich vom Himmel gefallen sind. Nach und nach trifft CC auf seine neuen Kameraden und sie erzählen ihre Origin Stories. So haben wir das stählerne Schwein Pig-Iron, die superschnelle Schildkröte Fast-Back, die magische Katze Alley-Kat-Abra, die mit Kräften ähnlich des Plastic Man ausgestattete Ente Rubberduck und Yankee Poodle. Bei letzterer handelt es sich um eine Journalistin die urplötzlich Stars und Stripes aus ihren antropomorphen Händen schießen kann. Gemeinsam reisen sie also zum Planeten Pluto um Superman zu retten. Dort stellen sie fest, wer für das tierische Debakel überhaupt verantwortlich ist. Es ist niemand geringeres als Starro, der übergroße hypnotische intergalaktische Seestern, ein Erzfeind von Superman und der Justice League.

Kaum zu glauben, aber wahr. Ich habe die Originalausgabe von 1982 in meinen Händen gehalten. Voll mit superbunten Bildern, Originstories die nach jedem Zusammentreffen zu lesen sind und natürlich Werbung. Eine dieser "Werbespots" in dem Comic ist Batmans Werbung für Twinkies. Aber das ist nur Nebensache. Hauptsache ist: Es ist voll mit tierischen Anspielung auf die echte Welt. So gibt es Städte wie Fullywood in Califurnia. Die United Species of America, Gnu York, Cornsas, Cornada oder Waspington, D.C. Natürlich geht es auch um Teamgeist und gemeinsamen Kampf gegen das Böse. Es ist eine relativ stinknormale, vollkommen überdrehte Originstory, die es schon so oft in der Form gegeben hat. Tatsächlich super witzig, kindgerecht und wie schon gesagt: sehr over the top. Mir hat's gefallen, auch wenn ich mit dem Stil nicht 100% zurecht komme. Gezeichnet von Scott Shaw!, geschrieben von Roy Thomas.

7,5/10 Pfandflaschen
Hier der Comic als Video, gedubbt von Media Calico Comics:


Montag, 24. August 2026

Album der Woche#695: Etnobotanika - Leśne duchy (2024)

Ich habe dieses Album rein zufällig durch den scheinbar völlig verrückten YouTube-Algorithmus empfohlen bekommen. Kurze Zeit später beschloss ich die Gruppe bzw. das Duo zu unterstützen und habe mir das Album auf Bandcamp geholt. 

"Leśne duchy" heißt auf Polnisch sowas wie "Waldgeister" und ist das zweite Album von Etnobotanika nach ihrem selbstbetitelten Debüt. Ich kann leider nicht sagen, wie die beiden Mitglieder heißen, da ich keine Infos finde. Fest steht aber, dass es ein absoluter Banger ist und eine großartige Empfehlung. Der Bandname als auch der Albumtitel suggeriert einen, es könnte sich um irgendeine Art Folk heißen.
Sprich irgendwas über etnische Musik und irgendwas über die Natur. Weil Botanik und so. Tatsächlich liegt man da gar nicht so falsch, wenn man die Namen so einordnet.

Musikalisch bewegen wir uns auf jeden Fall im elektronischen Bereich. Ich bin kein Experte darin, aber die Experten sagen es wäre sowas wie Downtempo, House und äh Nu-Disco. Was auch immer das letztgenannte ist. Aber ich schätze mal, eine neue Form des Disco. Ich höre auf jeden Fall sehr ruhige Beats, hin und wieder ambientige Sounds, Dub, Mundharmonika und ganz viel Hall. Es hört sich für meine Ohren definitiv nach einem halb-legalen Rave in einem dunklem Wald an. Dazu kommen noch jede Menge Samples. Ich kann nicht genau sagen, woher sie kommen - aber sie hören sich definitiv nach irgendwelchen polnischen Dokusendungen (über den Wald) oder irgendwelchen Serien (über den Wald und seine Bewohner) an. Die Songs tragen Titel wie "Der älteste Baum der Welt", "Regen Regen", "Planet Wald", "Wald Ambient", "Zauberinnen" oder "Sümpfe". 

Ich will nicht sagen, dass es sich um großartige Musik für einen Trip handelt. Aber es ist großartige Musik für einen Trip. Oder großartige, trippy Musik. Eine großartige Mischung aus Ambient, Trip-Hop, House und einer Unmenge an Samples aus polnischen Fernsehen von vor 40 Jahren. Sehr gut auf dem Weg zur Arbeit um 5 Uhr morgens wenn die Stadt komplett dunkel und still ist. Großartig.

9/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Najstarsze drzewo świata, Deszcz deszcz, Tajemnice