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Sonntag, 27. September 2026

So isses, Musik!#220

DEUTSCHPUNK FEGEFEUER:

Fahnenflucht – "Alte Lieder" & "Ohne Ausweg"

Raphi:

"Alte Lieder"

 "Als das Album „K.O. System“ in den Himmel gehyped wurde, konnte ich das wirklich überhaupt nicht nachvollziehen. Bis heute mag ich die Musik der ersten fünf Alben nicht, und kann leider nicht mal richtig erklären, weshalb. Doch dann wurde ich überrascht, als die Ruhrpunks 2021 mit „Weiter Weiter“ eine Platte veröffentlicht haben, die mir echt gefallen hat. Passenderweise haben zu ebenjener Zeit im Mantel von COVID19 auch Dritte Wahl ein neues Album veröffentlicht, das mich überhaupt nicht abgeholt hat. Aber gut, hier ist „Alter Lieder“ vom bisher besten Fahnenflucht-Album: eine kraftvolle „Nie wieder“-Ansage."

"Ohne Ausweg": "Das letzte Lied vom ersten richtigen Album der Rheinberger Band ist ein Paradebeispiel für die zweite Deutschpunkwelle. Ein bisschen gegen Deutschland, Parolenrefrain, kurze Breaks und Tempowechsel zwischen flottem Schunkeln und heftigem Geholze. Das Ganze geht insgesamt gut ins Ohr und sorgt für Unterhaltung. Außerdem merkt man auch hier schon, dass sich Fahnenflucht beim Songwriting mehr Mühe gegeben haben als viele andere Bands aus der gleichen Sparte. Als Hintergrundbeschallung bei Parties oder langen Autofahrten geht das allemal. Wirklich abgeholt hat mich das aber nicht."

Philipp:

"Alte Lieder" & "Ohne Ausweg"

"Glücklicherweise haben Raphael und ich hier zwei Lieder ausgewählt, die das Spektrum dieser Band sehr gut abdecken. Vom ungestümen und mitunter auch etwas stumpfen Früh-2000er-Straßenschlacht-Soundtrack und Kriegserklärung an Deutschtümelei und Nationalismus bis hin zur reflektierten Warnung vorm Erstarken der neuen Rechten. Musikalisch hat die Band in den 20 Jahren, die zwischen beiden Songs liegen, wirklich einen wahnsinnigen Sprung hingelegt. Mehr Metal, mehr Hardcore, mehr Post-irgendwas und immer große Melodien. Dabei Texte, die sich politisch radikal stets mit der notwendigen Haltung am Puls der Zeit bewegen und dieser mitunter einige Jahre voraus sind. Was bereits auf dem Album "Wer Wind sät" über Fluchtbewegungen und die Strömungen der neuen Rechten gesagt wird, jagt mir jedesmal einen kalten Schauer über den Rücken. Nach wie vor wirklich wichtige Band."

Gregor:

"Alte Lieder"

Das hier ist ein schöner Vergleich zu dem Song weiter unten. "Alte Lieder" ist nämlich später als "Ohne Ausweg" erschienen. Also vor fünf Jahren und nicht vor fünfzehn Jahren. Die Stimme klingt wesentlich "gefasster" und "kontrollierter" aber immer noch wütend und weniger rotzig. In dem Song geht es nicht um "unsere Lieder immer wieder" oder irgendwas onkelz-mäßigen. Sondern "das hatten wir schon einmal, erinner' dich an Weimar und das darf einfach nie wieder passieren" also um den Rechtsruck und die Gefahr die davon ausgeht usw. usf. Das Schlagzeug hört sich nicht an wie eine schöne Mülltonne, sondern wesentlich mechanischer. Insgesamt doch schon qualitativ gar nicht so minderwertig.

"Ohne Ausweg"

Hach. Das klingt wie damals als ich in meinem Kinder/Teenager-Zimmer saß und auf so nem alten CD-Player irgendeine Nix-Gut-CD abgespielt habe. Auch von der Qualität her lol. Eine räudig klingende Stimme singt irgendwas von wegen "Deutschland" und "ich spucke dir ins Gesicht" als auch "einen Ausweg gibt es näääächt". Der Bass dröhnt schön, das Schlagzeug hört sich an wie eine wunderschöne Mülltonne. Es ist vor allem eins: Sehr sehr sehr rotzig. Trotz all dieser Erinnerungen muss ich sagen: Nein, das ist nichts was ich mir heutzutage anhören würde, auch wenn Fahnenflucht zu den Koryphäen des neuen Deutschpunk gehört. Und es tut auch nicht weh, dass ich sie vor einem Jahr auf dem KAZ Open Air verpasst habe. 

Fehlfarben - "Gottseidank nicht in England"

Philipp:

"Dieses Lied habe ich frecherweise eingeschoben, nachdem unsere Liste bereits fertig war, so sehr liebe ich diesen Text und diesen ganzen vetdammten Song. Fehlfarben selbst ist aus der Düsseldorfer Szene der ersten Welle in Deutschland entstanden, Sänger Peter Hein muss wohl einer der ersten Punks überhaupt in Deutschland gewesen sein. Die Band ist vielen ja tatsächlich im Kontext der neuen deutschen Welle ein Begriff, so wirklich haben sie aber auch nie in diese Schublade gepasst.
Was mich an "Gottseidank nicht in England" fasziniert, ist nicht nur die großartige Musik sondern vor allem auch dieser durchaus kryptische Text. Zusammen mit dem Titel habe ich ihn immer als Aufforderung an die deutschen Punks gesehen, die englischen Vorbilder hinter sich zu lassen und einen eigenen subkulturellen Weg zu finden. Ironischerweise ist genau das mit der NDW passiert obwohl Peter Hein das definitiv nicht gemeint hat. Generell kann man diesen Text auch sehr gut als "Erwachsen werden in einer feindlichen Umgebung" zusammen fassen, eine Absage an Spießigkeit und Karrierismus. Es ist so oder so großartig und mein durchaus sehr lauwarmer Take dazu, dass "Monarchie und Alltag" eins der besten deutschen Punk-Alben der Frühphase ist."

Raphi:

"Die "Punkverräter" Fehlfarben hatten im Jahr 1980 schon einige Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Substanzen hinter sich, und hatten ihren ersten Plattenvertrag bei EMI in der Tasche. Das erste Album "Monarchie und Alltag" ist eine Sammlung von Hits und zeitlosen Klassikern. Fehlfarben bilden hier eine dynamische und kalte Schnittstelle zwischen Punk, Post Punk und NDW; etwas sanfter als die zeitgenössische Musik von Abwärts, und etwas krachiger als Rotzkotz. "Gottseidank nicht in England" ist gleichzeitig eines der aggressivsten und der traurigsten Lieder des großartigen Albums. Ich sehe im Text viel Raum für Interpretationen. Es geht um Anpassung in einer rauen Realität; um Konstrukte aus Lügen, die irgendwann kollabieren; um Bedeutungslosigkeit; um eine Welt, die in ihrer Oberflächlichkeit so brutal und unbarmherzig ist; und sicherlich um vieles mehr. Großartiger Titel von einem großartigen Album einer großartigen Band."

Gregor: "Und wenn die Wirklichkeit dich überholt, hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol, du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein, das ist das Ende, du bist allein"

Ich kann mich gut erinnern wie vor rund 15 Jahren mir dieses Lied vorgespielt wurde und die Person so unfassbar beeindruckt davon war - als auch sentimental. Es ist ein durchaus schönes Lied, dass von jemanden handelt der immer ganz vorne sein möchte. Dafür wechselt man die Freunde, die Klamotten, die Ansichten wie andere Socken oder andere Kleidungsstücke die man so täglich wechselt. Doch genau dann wenn die Wirklichkeit eintrifft, merkt man dass man eigentlich nichts hat. Das ist mir in meinem Leben durchaus öfter mal begegnet - nicht zwingend immer bei mir selber. Also, dass die Freunde bei welchem man sich profilieren wollte und bei welchen man gut da stehen wollte eigentlich keine echten Freunde waren - sondern vielleicht eher Saufkumpanen mit welchen man gar nichts gemeinsam hatte. Wofür die ganze Mühe für jemanden der dich nicht anerkennt? 

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FROM FIRST TO LAST: Megadeth

Ich habe ja schon mal die beiden Discographies von Slayer und Metallica reviewt. Irgendwann auch mal ein Album von Anthrax. Und niemals irgendwas von Megadeth, zumindest kein Album. Irgendwie findet sich einfach keine Zeit dafür. Daher, denke ich dass ich in dieser und der nächsten Ausgabe mir eben diese Bands in dieser Unterrubrik vornehme. Fangen wir also an mit Megadeth. Das erste Album heißt....

"Killing is my business...and business is good!" (1985)

Aufgenommen in der Formation: Dave Mustaine (voc, git), Chris Poland (git), David Ellefson (b, voc) und Gar Samuelson (dr).

Was für ein großartiges Piano-Intro. Und dann ein "Oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooh!". Herrlich. Der erste richtige Song heißt "Last Rites - Loved To Death" und besteht aus für diese Zeit typischen Megadeth/Thrash Metal Sound. Dave Mustain schreit, mit relativ hoher Stimme. Es gibt irgendwelche dämonischen Einspieler. Irgendwie klingt das nach Axl Rose - und ich bin relativ sicher, dieser hat hier ordentlich abgekupfert bzw. sich inspiriert gefühlt. Im Titelsong geht es...wie könnte es anders sein... um einen Auftragskiller, der Menschen für Geld tötet. Ich mag es absolut wie Mustaine "It brings me great pleasure to say my next job is you!" singt. 

Zunächst mal gefällt mir das Ganze irgendwie schon, obwohl es auf den ersten Blick irgendwie leicht


generisch erscheint. Es sind halt die typischen Zutaten für ein Thrash Metal Album. Uffta-Uffta-Schlagzeug, Gitarrensoli, dämonische Einspieler, eine ziemlich hohe Stimme und selbstverständlich Texte aus der Ich-Perspektive als auch Storytelling. So geht es zum Beispiel in "The Skull Beneath The Skin" tatsächlich um das Maskottchen der Band: Vic Rattlehead, der auch auf dem Cover abgebildet ist. Tatsächlich gibt es wohl aber auch einen Titelsong der auch so heißt: "Rattlehead". Irgendwie ist dieser äquivalent zu Metallicas "Whiplash". Megadeth covern hier auch "These Boots (Are Made For Walking") von Lee Hazlewood, dass am ehesten als Song von Nancy Sinatra bekannt ist. Was zur Hölle? Aber es funktioniert erstaunlich gut. Dabei hört sich Mustaine an wie Lemmy. Mein Lieblingssong hier rauf ist "Looking Down The Cross". Darin geht es um den Tod Jesus Christus' auf dem Kreuz. Worüber sollte es denn sonst gehen? Und tatsächlich schafft man durchaus detailreich alles zu erzählen ohne in blasphemische Klischees einzutauchen. "Mechanix" wurde übrigens geschrieben als Mustaine noch bei Metallica war - ein Teil des Songs hat der Rest der Band zu "The Four Horsemen" verwurstet. Witzig.

Fazit: Hätte nicht gedacht, das mir das so gut gefallen würde. Ich bin mal gespannt, wie sich das letzte Album anhören wird.

7,75/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: These Boots, Looking Down The Cross, Mechanix



Und das letzte Album, tatsächlich das allerletzte weil Megadeth sich aufgelöst haben trägt den Titel...

Megadeth (2026)

Aufgenommen in der Formation: Dave Mustaine (voc, git), Teemu Mäntysaari (git), James LoMenzo (b), Dirk Verbeuren (dr).


Siebzehn Alben später hat sich einiges verändert. Von der ursprünglichen Besetzung ist nur noch Dave Mustaine übrig. Um Bassisten Dave Ellefson gab es vor einigen Jahren ein Skandal weil er...zwar rechtlich betrachtet kein Pädo ist aber mit einer 19-jährigen "seggsschreibne" gemacht hat. Dave Mustaine hat ihn also gefeuert. Nun also das letzte Album:

Selbstverständlich hat sich musikalisch auch alles verändert. Megadeth sind nicht mehr die Band die schneller und härter als Metallica sein sollte. Stattdessen haben wir eine typische Wendung zu teilweise langsameren Riffs, die zugleich melodischer und zugänglicher sind. Außerdem wendet Mustaine diese Art zu Singen an, die er sich über die Jahre angeeignet hat: Manchmal redet er mehr als er singt, und wenn dann nicht mehr in dieser hohen Tonlage. Die Texte sind durchaus persönlicher Natur - und leider auch relativ generisch. So heißt es in "I Don't Care", dass er grundsätzlich keinen Fick darüber gibt, was die Leute von ihm halten. "Let There Be Shred" ist im Grunde ein Song über die Metal Musik selbst. "Another Bad Day", mit diesem fürchterlichen stereotypen Refrain, handelt von...einen weiteren schlechten Tag. "Made To Kill" is im Grunde die Fortsetzung von "Killing is my business" und man spricht hier irgendwie von militärischen Einsätzen für den Frieden, die im Sterben von Zivilisten münden.

Teemu Mäntysaari ist ein großartiger Gitarrist, der verdammt viele Soli einstreut. Ich wusste gar nicht, dass er ursprünglich von der Band Wintersun kommt. Symphonic Death Metal war aber nie so richtig mein Ding. Dass es sowas überhaupt gibt. Jedenfalls sehe ich hier so einige Baustellen oder viel eher problematische Ansätze. Hier und da gibt es diese coolen Soli, supergeile prügelnde Drums und auch Mustaines Gesang gefällt mir...hier und da. Die Songtexte sind allerdings viel zu generisch und durchaus vorhersehbar. Es ist eine äh mixed can of beer, wie man vielleicht ausdrücken könnte. Kein zu schlechtes Album, aber auf jeden Fall eins dass gegen Ende eher schlechter wird als besser. Schwächster Song ist meiner Meinung nach "I Am War". Immerhin taugt das "Ride The Lightning"-Cover etwas.

5/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: Ride The Lightning, Made To Kill, Tipping Point




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Ulver Discography: Sic Transit Gloria Mundi EP (2017)

Erschienen zwischen "The Assassination of Julius Caesar" und "Flowers of Evil". Zweitgenanntes ist mein absolutes Lieblingsalbum von Ulver. Es sind hier ganze drei Songs zu hören: "Echo Chamber (Room of Tears)", "Bring Out Your Dead" und "The Power of Love". Die ersten beiden sind Songs die es auf das vorherige Album nicht geschafft haben. Poppig, tanzbar, sehr wavy und ziemlich ziemlich 80s, ohne jedoch zu viel an Synthies und übertriebenen Haarlack-Frisuren mit sich zu bringen. Es kingt
gleichzeitig so schön old school und so modern. Man samplet sogar irgendwelche Zitate der NASA(?) aus einer Weltraum-Mission (?). "The Power of Love" kommt allerdings tatsächlich aus eben dieser Zeit, die ich grade erwähnt habe. Es ist nämlich ein Cover von Frankie Goes To Hollywood. Allerdings ist es kein tanzbarer Banger wie "Relax" gewesen, sondern etwas nachdenkliches, schunkelndes und schönes. Also genau passend für Ulver. 

Diese EP ist eine von vielen Beweisen, dass diese Band alles kann, nichts muss aber trotzdem macht. Sie könnten, glaube ich, auf dem nächsten Album auch wieder Black Metal machen. Ich glaube, das würde ihnen gelingen.

8/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: Alles


Was läuft sonst? 

Es war Mord - Frühling der Verrät. Review von Raphi.

"Es gibt Bands, die einfach auf einem komplett anderen Zeitstrahl leben, und dazu gehören definitiv Es War Mord aus Berlin. Wir haben es hier seit 2016 mit Hardcore Punk und Deutschpunk mit düsterer Färbung im Stile der 1980er zu tun. Und mit "Frühling der Verräter" hat die Band aus Berlin zehn Jahre nach ihrer selbstbetitelten Demo inzwischen ihr drittes Album veröffentlicht. Vom Indie-Label Sounds of Subterrania haben sich Es War Mord verabschiedet. Stattdessen erscheint "Frühling der Verräter" bei Sabotage Records. Produziert wurde das Album von Tomatenplatten-Labelchef und Beatsteaksdrummer Thomas Götz, gemischt von Karen Dhiós und gemastert von Wolfgang Gottlieb. Ein Dutzend neue Tracks bescheren uns Es War Mord, und eröffnen eine halbe Stunde lang ein Portal in
eine finstere Welt. Hier, im "Frühling der Verräter" ist alles irgendwie schon verloren. Die hier beschriebene Realität könnte eine mögliche Zukunft unserer Welt sein; oder auch ein paralleler Zeitrahl, der spätestens im 20. Jahrhundert noch schlimmer abgebogen ist als unsere Welt. Der Sound erinnert oft an Chaos Z oder Fliehende Stürme, und manchmal an die (leider) weniger bekannten L'appel du vide, was keineswegs etwas Schlimmes ist. Vor allem brechen Es War Mord geschickt aus den typischen musikalischen Themen des Depro Punk oder Düsterpunk aus: das Ganze klingt rotziger, wütender, widerborstiger. Außerdem jagt hier ein Highlight das nächste. Da ist beispielsweise die Referenz auf Ton Steine Scherben "Keine Chance", die Hymne "1000 Jahre" oder auch das Hardcorepunk-Gewitter "Tod in Frankreich". Von vorne bis hinten ein großartiges Donnerwetter, auch wenn ich mich anfangs etwas an den Gesang gewöhnen musste.

9/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: Keine Chance, 1000 Jahre"



Dienstag, 18. Juni 2013

Ohrwurm der Woche#17



"einkaufsbummel im erdnussland, was übrig bleibt wird entwicklungshilfe genannt!"