Montag, 8. Juni 2026

Album der Woche#683: Post Regiment - s/t (1992)

Letztens (also irgendwann 2025) bei einem Ausflug nach Bochum in einem Einkaufszentrum bei einem mobilen Vinyl-Verkauf geholt. Tatsächlich aber schon wesentlich länger digital besessen. Klassischer polnischer Hardcore Punk, der melodischen Sorte. Mit Sicherheit von einigen von euch, die früher auf Crust Konzerte gegangen sind, auf irgendwelchen Aufnähern gesehen. Falls ihr euch gefragt habt, was das ist und ständigt verpeilt habt, es zu recherchieren - hier habt ihr die Antwort. 


Erstes, selbstbetiteltes Album der Band - nach dem Weggang von Sänger Darek Gracki, der eher einen für HC/Punk typischen Gesang verwendet hat. An seiner Stelle tritt Dominika Domczyk, und alles ändert sich. "Nika", wie sie in Punk-Kreisen genannt wurde verwendet melodischen Gesang, der für Anarcho/Hardcore Punk Gruppen zu dem Zeitpunkt eher unüblich ist. Selbiges gilt für die Instrumentals. Anstelle von uffta-uffta Hardcore Punk, sprich schreddernden Riffs und stumpfen Drums hören wir durchaus seichte, aber schnelle Gitarrenklänge. Meines Erachtens revolutionär für die Zeit. Auch textlich bewegen wir uns weniger im direkten, frontalen Anarcho-Bereich. Es geht zwar auch um Religion ("Religia"), die Punk-Szene ("Wstyd" - Scham) und andere typische Anarcho Themen. Allerdings sind die Texte bewusst persönlich bzw. kryptisch gehalten. Ich musste genau zuhören um zu verstehen um was es bei "Religia" geht. Man behandelt darin die Sinnlosigkeit von organisierter Religion bzw. die Augenwischerei des modernen Glaubens. So wird das "unnötige Falten der Hände" behandelt. Es heißt unter anderem "Die Wahrheit ist Hass, Fabrik der Lügen, Fabrik der Lügen." Interessante Zusammenstellung. In "Nowy Dzien" ("Neuer Tag") geht es um tristen Alltag im Durchschnittskapitalismus. Besonders kryptisch wird es in "Wstyd" ("Scham"). Zu Beginn des Textes geht es um irgendeine Scham, Hände kalt wie der Wind...doch am Ende um drei Akkorde die in meiner Hand explodieren und das "nichts uns mehr aufhalten wird". Vor Jahren ist mir zudem "Ostatni raz" ("Das letzte Mal") ins Ohr gefallen. Darin heißt es "Das letzte Mal gebe ich dir die Hand, küsse dich im Gesicht".

Es gibt hier auch einige Songs auf Englisch, aber ich muss sagen dass mir die polnischsprachigen wesentlich besser gefallen. Sie sind viel authentischer, gefühlvoller. Post Regiment schaffen es gleichzeitig kryptisch, mysteriös und melancholisch zu klingen. Ein wirklich außerordentlich wichtiges und originelles Werk. Passt sowohl für den Arbeitsweg als auch für den Weg nach Hause. Vor allem wenn's dunkel ist und man sich ein wenig melancholisch fühlen möchte.

9/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Nowy Dzien, Wstyd, Kurwy, Ostatni Raz, Religia



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