Chaos Z – Gewalt
Raphi:
"Wenn es um Depro- und Düsterpunk geht, sind Chaos Z, beziehungsweise
ihre Nachfolgeband Fliehende Stürme eine der wichtigsten Gruppen.
Deutlich näher am Hardcore als nach ihrer Umbenennung haben Chaos Z
vor allem Lieder produziert, die auch als Post Metal-Variante super
klingen würden. Und der absolute Sturm aus depressivem Hardcore Punk
ist der Song „Gewalt“. In meinen späten 20ern habe ich eine
meiner bisher tiefsten depressiven Episoden durchlebt, und dieser
Song hat mich fast täglich dabei begleitet, gegen die Dunkelheit von
innen anzukämpfen. Danke!"
Ich:
Ich kann im Grunde das wiederholen was Raphi gesagt hat. Nur dass ich nicht von den späten 20ern sondern eher von mittleren 30ern reden würde. Es ist einerseits befreiend diese Worte zu hören: "Fäuste gegen Wände, die Mauern sind zu hoch, Alltag bis zum Ende, ein Leben das erfriert", andererseits aber fürchterlich bedrückend. Eben weil ich den Gedankengang in dem Text verstehe - bis auf die Sache mit dem Amoklauf. Der Text klatscht einen ordentlich ins Gesicht, sodass man beinahe auf den Boden fällt.
Chaos Z – Krass
Chaos Z – Krass
Ich:
Ich habe diesen Song in meiner Jugend gefühlt an die 50 Mal gehört. Tatsächlich im Glauben, er würde "Reste" heißen weil es irgendeinen Fehler bei der digitalen Version des Albums "45 Jahre ohne Bewährung" gab. Der Song war, glaube ich, der letzte auf dem Album und gleichzeitig sowas ähnliches wie ein Neuanfang für Chaos Z. Zumindest klingen sie hierauf wesentlich weniger als ihre ursprüngliche Version und mehr als die Band die sie später wurden: Fliehende Stürme. Es ist ein sowohl politischer als auch persönlicher Song. Meines Erachtens handelt er von der persönlichen Enttäuschung durch die deutsche Gesellschaft nach der Wiedervereinigung (deswegen "frisch vermählt"). Eine Gesellschaft, die einerseits Wohlstand und Prestige predigt aber gleichzeitig auf ihre Jugend scheißt, kann man wohl nur verachten. Ich habe auch diesbezüglich nachrecherchiert und festgestellt, dass das dazugehörige Album erschienen ist, als die Band schon Fliehende Stürme hieß. Nur "ausnahmsweise" unter altem Namen - nachdem zweites prägendes Bandmitglied, der Bruder von Sänger Andreas Löhr, Thomas Löhr gestorben ist.
Philipp zu "Gewalt" und "Krass":
Es gibt wenige deutsche Punkbands, die so immens wichtig sind, dass eine Liste von Deutschpunk-Songs zwei Songs von ihnen verdient. Chaos-Z ist eine solche Band. Von Andreas Löhr, seinem großen Bruder Thomas und Schlagzeug er Michael Ortner 1980 gegründet, als Andreas gerade mal 13 war, veröffentlichten sie relativ schnell erste EPs und Alben mit rauem, düsteren und kompromisslosem Deutschpunk, fast ein bisschen wie deutsche discharge. Bereits Mitte der 80er Jahre wurde die Musik unter dem Einfluss von Bands wie Joy Division zunehmend schleppender, melodischer und schließlich benannte man sich in "Fliehende Stürme" um. Diese beiden Songs stammen aber tatsächlich aus der späteren "Reunion"-Phase, Thomas Löhr verstarb an HIV und Andreas Löhr schrieb ein komplettes Album wütender und resignierter Punksongs, die irgendwie besser zu Chaos-Z als zu Fliehende Stürme passten, Glück für uns, die "45 Jahre ohne Bewährung" gehört mit "Schweineherbst" von Slime zu den besten deutschen Punk-Alben der 90er. Zwar durchaus melodischer als das Frühwerk aber diese wahnsinnige Wut und Stimmung, die in Musik und Texten transportiert wird, ist einfach unvergleichlich. Krass ist hierbei (und das muss ich als einziger Ossi in der Runde nochmal erwähnen) eine Abrechnung mit dem nationalen Freudentaumel nach der Wiedervereinigung, der Kirche, der Bundeswehr und dem gesamten Konstrukt Deutschland, wahnsinnig toller und wichtiger Song. Ich würde Chaos-Z jetzt nicht unbedingt als proto-antideutsch bezeichnen, verdient hätten sie es mit diesem Song aber irgendwie.
"Gewalt" ist eine brutale und heftige Schilderung eines sinnlosen deutschen Lebens, das letztendlich in einem Amoklauf gipfelt, wer Zuspruch und Ermutigung braucht, sollte sich definitiv eine andere Band suchen, hier wird gekotzt. Was für ein Jahrhundertwerk.
Raphi:
"Es ist wohl das Chaos Z Lied, das am meisten nach Fliehende Stürme klingt. Vielleicht kann "Ein Tropfen im Feuer" noch mithalten.
Wenn ich den Text richtig verstanden habe, geht es um die letzte Phase des 20. Jahrhunderts: Hasselhoff, Wehrdienst, Baseballschläger, kunterbunte Symbolpolitik, graue Welt, und mentale Gesundheit in einer kranken Realität. Vor allem interpretiere ich die erste Strophe als antifaschistische (und antideutsche) Ablehnung der Einverleibung der DDR durch die BRD. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist folgendes: der Refrain ist ein äußerst starker Quell für innere Kraft, das Lied ist ein zeitloser Klassiker, und Chaos Z sind völlig zurecht zweimal in dieser Serie vertreten."
Chefdenker – Schwierige Zeiten
Wenn ich den Text richtig verstanden habe, geht es um die letzte Phase des 20. Jahrhunderts: Hasselhoff, Wehrdienst, Baseballschläger, kunterbunte Symbolpolitik, graue Welt, und mentale Gesundheit in einer kranken Realität. Vor allem interpretiere ich die erste Strophe als antifaschistische (und antideutsche) Ablehnung der Einverleibung der DDR durch die BRD. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist folgendes: der Refrain ist ein äußerst starker Quell für innere Kraft, das Lied ist ein zeitloser Klassiker, und Chaos Z sind völlig zurecht zweimal in dieser Serie vertreten."
Chefdenker – Schwierige Zeiten
Raphi:
"Ich tu mich immer noch schwer damit, die Claus Lüer-Bands
auseinanderzuhalten; vor allem bei Chefdenker und Casanovas Schwule
Seite bringe ich vieles durcheinander. Aber ich feiere die Band
dafür, dass sie den stumpfen Stil der ersten Deutschpunkwelle mit
den melodischen Aspekten der Zweiten verbunden haben. Außerdem
verbinde ich die Band mit einer etwas unbeschwerteren Zeit, als ich
mit Freunden aus dem Landkreis Würzburg lange Zugfahrten und Nächte
an Bahnhöfen unternommen habe. Als Erinnerung, dass es bessere Ideen
gibt, als in einer frisch renovierten Wohnung eine Punk Rock Party zu
veranstalten, bleibt das Lied „Schwierige Zeiten“ vom Debutalbum
„16 Ventile in Gold“ unvergessen."
Philipp:
"Claus Lüer hat meine Jugend geprägt wie kaum ein zweiter, textlich, musikalisch, gesanglich, teilweise hab ich mir bei dem, was ich an Musik gemacht habe, echt mehr bei Claus geliehen, als mir selbst bewusst ist. Chefdenker war dabei aber nie meine Lieblingsband, irgendwie war mir das immer zu rockig und zu komplex, die Stimme und die Texte macht das aber nicht weniger großartig. Hier werden in erster Linie Alltagsphänomene beschrieben, das aber immer in so griffig-asozialer Lyrik, dass man gelegentlich abwechselnd nicken und mit dem Kopf schütteln möchte, alles in allem ist das aber wirklich toll. Kleiner fun fact: Ich bin Claus Lüer bisher ein mal persönlich begegnet und habe dem armen Kerl in einem kompletten Euphorie-Anfall so viele Fragen gestellt, dass ich insgeheim hoffe, dass er sich nicht mehr an mich erinnern kann, das nur als kleine Demonstration, wie wichtig mir sein Gesamtwerk ist. Shoutout an Gregor, den einzigen Menschen, der Claus' Stimme nicht mag. It's okay to be wrong."
Ich:
Ja, Raphi...ich kann mich an diese Zeit ebenfalls erinnern. Lange Nächte am Nürnberger Hauptbahnhof. Oder in Aschaffenburg, Erlangen oder ganz woanders in einem anderen Bundesland. Kann mich erinnern, dass es einige von uns gab die die Bands von Claus Lüer maßlos gefeiert haben - egal ob Knochenfabrik, Chefdenker oder Casanovas Schwule Seite. Ich konnte sie ebenfalls nicht außeinander halten und kann es bis heute nicht wirklich. Außer "Ameisenstaat" fällt mir auch kein Album ein. Es ist eine witzige Idee ein Lied darüber zu komponieren, dass es vllt. nicht so gut ist in einer neuen Wohnung eine wilde Punkerfete zu veranstalten - und das ganze auch noch "Schwierige Zeiten" zu nennen, als würde es in dem Song um irgendwas gesellschaftlich relevantes gehen. Trotzdem kann ich ehrlich gesagt nichts damit anfangen. Ich mag diese schrille, versoffene Stimme nicht.
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Mayhem Discography: Liturgy of Death (2026)
Es ist wieder so weit. Ich schließe Lücken in Discographies hier auf diesem Blog. Anfang des Jahres ist tatsächlich ein neues Album von Mayhem rausgekommen. Der Nachfolger zum 2019er Werk "Daemon" bzw. zu dessen Nachfolge-EP "Atavistic Black Disorder/Kommando".
Zugegeben, das Album hatte bei mir erst einen schwierigen Lauf. Bei vielen Alben bin ich der Meinung, dass sie eher auf einer größeren Anlage oder auf einem Laptop funktionieren. Hier ist es tatsächlich das Gegenteil der Fall: Kopfhörer sind hier die bessere Option. "Liturgy of Death" schließt einerseits da an, wo "Daemon" aufgehört hat, gleichzeitig bezieht man sich allerdings an das Urwerk der Band "De Mysteriis Dom Sathanas" als auch teilweise an eines ihrer polarisierenderen Werke, "Grand Declaration of War". So hört sich Sänger Attila Csihar teilweise wie sein Nachfolger bzw. Vorgänger Maniac an. Kritiker würden behaupten, das Ganze wäre ein absolutes Chaos und hätte keinen roten Faden. Doch ein roter Faden kann leider auch Einheitsbrei bedeuten. Mir ist Chaos lieber als absoluter Einheitsbrei, deswegen mag ich dieses Album. Ich mag die typische Mayhem-Elemente hierauf: Hellhammers Drumsound, der immer wieder an dieses Zwischenspiel aus "Freezing Moon" erinnert als auch den Wechsel zwischen Csihars Gesangsstilen. Und zwar mal finster-kreischend und mal theatralisch-dikatorisch (meine Eigenbezeichnung lol). Meiner Meinung nach klingt das Album nach all dem was, Mayhem in ihrer Karriere (dazu) gelernt haben. Bewusst überzogene Theatralik, Finsternis, Krach, schleppender Stil und Chaos. Rundum durchaus sehr gelungenes Album.
Anspieltipps: Aeon's End, Weep For Nothing, Ephemeral Eternity (mit Kristofer Rygg von Ulver)
8/10 Pfandflaschen

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