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Sonntag, 27. September 2026

So isses, Musik!#220

DEUTSCHPUNK FEGEFEUER:

Fahnenflucht – "Alte Lieder" & "Ohne Ausweg"

Raphi:

"Alte Lieder"

 "Als das Album „K.O. System“ in den Himmel gehyped wurde, konnte ich das wirklich überhaupt nicht nachvollziehen. Bis heute mag ich die Musik der ersten fünf Alben nicht, und kann leider nicht mal richtig erklären, weshalb. Doch dann wurde ich überrascht, als die Ruhrpunks 2021 mit „Weiter Weiter“ eine Platte veröffentlicht haben, die mir echt gefallen hat. Passenderweise haben zu ebenjener Zeit im Mantel von COVID19 auch Dritte Wahl ein neues Album veröffentlicht, das mich überhaupt nicht abgeholt hat. Aber gut, hier ist „Alter Lieder“ vom bisher besten Fahnenflucht-Album: eine kraftvolle „Nie wieder“-Ansage."

"Ohne Ausweg": "Das letzte Lied vom ersten richtigen Album der Rheinberger Band ist ein Paradebeispiel für die zweite Deutschpunkwelle. Ein bisschen gegen Deutschland, Parolenrefrain, kurze Breaks und Tempowechsel zwischen flottem Schunkeln und heftigem Geholze. Das Ganze geht insgesamt gut ins Ohr und sorgt für Unterhaltung. Außerdem merkt man auch hier schon, dass sich Fahnenflucht beim Songwriting mehr Mühe gegeben haben als viele andere Bands aus der gleichen Sparte. Als Hintergrundbeschallung bei Parties oder langen Autofahrten geht das allemal. Wirklich abgeholt hat mich das aber nicht."

Philipp:

"Alte Lieder" & "Ohne Ausweg"

"Glücklicherweise haben Raphael und ich hier zwei Lieder ausgewählt, die das Spektrum dieser Band sehr gut abdecken. Vom ungestümen und mitunter auch etwas stumpfen Früh-2000er-Straßenschlacht-Soundtrack und Kriegserklärung an Deutschtümelei und Nationalismus bis hin zur reflektierten Warnung vorm Erstarken der neuen Rechten. Musikalisch hat die Band in den 20 Jahren, die zwischen beiden Songs liegen, wirklich einen wahnsinnigen Sprung hingelegt. Mehr Metal, mehr Hardcore, mehr Post-irgendwas und immer große Melodien. Dabei Texte, die sich politisch radikal stets mit der notwendigen Haltung am Puls der Zeit bewegen und dieser mitunter einige Jahre voraus sind. Was bereits auf dem Album "Wer Wind sät" über Fluchtbewegungen und die Strömungen der neuen Rechten gesagt wird, jagt mir jedesmal einen kalten Schauer über den Rücken. Nach wie vor wirklich wichtige Band."

Gregor:

"Alte Lieder"

Das hier ist ein schöner Vergleich zu dem Song weiter unten. "Alte Lieder" ist nämlich später als "Ohne Ausweg" erschienen. Also vor fünf Jahren und nicht vor fünfzehn Jahren. Die Stimme klingt wesentlich "gefasster" und "kontrollierter" aber immer noch wütend und weniger rotzig. In dem Song geht es nicht um "unsere Lieder immer wieder" oder irgendwas onkelz-mäßigen. Sondern "das hatten wir schon einmal, erinner' dich an Weimar und das darf einfach nie wieder passieren" also um den Rechtsruck und die Gefahr die davon ausgeht usw. usf. Das Schlagzeug hört sich nicht an wie eine schöne Mülltonne, sondern wesentlich mechanischer. Insgesamt doch schon qualitativ gar nicht so minderwertig.

"Ohne Ausweg"

Hach. Das klingt wie damals als ich in meinem Kinder/Teenager-Zimmer saß und auf so nem alten CD-Player irgendeine Nix-Gut-CD abgespielt habe. Auch von der Qualität her lol. Eine räudig klingende Stimme singt irgendwas von wegen "Deutschland" und "ich spucke dir ins Gesicht" als auch "einen Ausweg gibt es näääächt". Der Bass dröhnt schön, das Schlagzeug hört sich an wie eine wunderschöne Mülltonne. Es ist vor allem eins: Sehr sehr sehr rotzig. Trotz all dieser Erinnerungen muss ich sagen: Nein, das ist nichts was ich mir heutzutage anhören würde, auch wenn Fahnenflucht zu den Koryphäen des neuen Deutschpunk gehört. Und es tut auch nicht weh, dass ich sie vor einem Jahr auf dem KAZ Open Air verpasst habe. 

Fehlfarben - "Gottseidank nicht in England"

Philipp:

"Dieses Lied habe ich frecherweise eingeschoben, nachdem unsere Liste bereits fertig war, so sehr liebe ich diesen Text und diesen ganzen vetdammten Song. Fehlfarben selbst ist aus der Düsseldorfer Szene der ersten Welle in Deutschland entstanden, Sänger Peter Hein muss wohl einer der ersten Punks überhaupt in Deutschland gewesen sein. Die Band ist vielen ja tatsächlich im Kontext der neuen deutschen Welle ein Begriff, so wirklich haben sie aber auch nie in diese Schublade gepasst.
Was mich an "Gottseidank nicht in England" fasziniert, ist nicht nur die großartige Musik sondern vor allem auch dieser durchaus kryptische Text. Zusammen mit dem Titel habe ich ihn immer als Aufforderung an die deutschen Punks gesehen, die englischen Vorbilder hinter sich zu lassen und einen eigenen subkulturellen Weg zu finden. Ironischerweise ist genau das mit der NDW passiert obwohl Peter Hein das definitiv nicht gemeint hat. Generell kann man diesen Text auch sehr gut als "Erwachsen werden in einer feindlichen Umgebung" zusammen fassen, eine Absage an Spießigkeit und Karrierismus. Es ist so oder so großartig und mein durchaus sehr lauwarmer Take dazu, dass "Monarchie und Alltag" eins der besten deutschen Punk-Alben der Frühphase ist."

Raphi:

"Die "Punkverräter" Fehlfarben hatten im Jahr 1980 schon einige Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Substanzen hinter sich, und hatten ihren ersten Plattenvertrag bei EMI in der Tasche. Das erste Album "Monarchie und Alltag" ist eine Sammlung von Hits und zeitlosen Klassikern. Fehlfarben bilden hier eine dynamische und kalte Schnittstelle zwischen Punk, Post Punk und NDW; etwas sanfter als die zeitgenössische Musik von Abwärts, und etwas krachiger als Rotzkotz. "Gottseidank nicht in England" ist gleichzeitig eines der aggressivsten und der traurigsten Lieder des großartigen Albums. Ich sehe im Text viel Raum für Interpretationen. Es geht um Anpassung in einer rauen Realität; um Konstrukte aus Lügen, die irgendwann kollabieren; um Bedeutungslosigkeit; um eine Welt, die in ihrer Oberflächlichkeit so brutal und unbarmherzig ist; und sicherlich um vieles mehr. Großartiger Titel von einem großartigen Album einer großartigen Band."

Gregor: "Und wenn die Wirklichkeit dich überholt, hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol, du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein, das ist das Ende, du bist allein"

Ich kann mich gut erinnern wie vor rund 15 Jahren mir dieses Lied vorgespielt wurde und die Person so unfassbar beeindruckt davon war - als auch sentimental. Es ist ein durchaus schönes Lied, dass von jemanden handelt der immer ganz vorne sein möchte. Dafür wechselt man die Freunde, die Klamotten, die Ansichten wie andere Socken oder andere Kleidungsstücke die man so täglich wechselt. Doch genau dann wenn die Wirklichkeit eintrifft, merkt man dass man eigentlich nichts hat. Das ist mir in meinem Leben durchaus öfter mal begegnet - nicht zwingend immer bei mir selber. Also, dass die Freunde bei welchem man sich profilieren wollte und bei welchen man gut da stehen wollte eigentlich keine echten Freunde waren - sondern vielleicht eher Saufkumpanen mit welchen man gar nichts gemeinsam hatte. Wofür die ganze Mühe für jemanden der dich nicht anerkennt? 

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FROM FIRST TO LAST: Megadeth

Ich habe ja schon mal die beiden Discographies von Slayer und Metallica reviewt. Irgendwann auch mal ein Album von Anthrax. Und niemals irgendwas von Megadeth, zumindest kein Album. Irgendwie findet sich einfach keine Zeit dafür. Daher, denke ich dass ich in dieser und der nächsten Ausgabe mir eben diese Bands in dieser Unterrubrik vornehme. Fangen wir also an mit Megadeth. Das erste Album heißt....

"Killing is my business...and business is good!" (1985)

Aufgenommen in der Formation: Dave Mustaine (voc, git), Chris Poland (git), David Ellefson (b, voc) und Gar Samuelson (dr).

Was für ein großartiges Piano-Intro. Und dann ein "Oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooh!". Herrlich. Der erste richtige Song heißt "Last Rites - Loved To Death" und besteht aus für diese Zeit typischen Megadeth/Thrash Metal Sound. Dave Mustain schreit, mit relativ hoher Stimme. Es gibt irgendwelche dämonischen Einspieler. Irgendwie klingt das nach Axl Rose - und ich bin relativ sicher, dieser hat hier ordentlich abgekupfert bzw. sich inspiriert gefühlt. Im Titelsong geht es...wie könnte es anders sein... um einen Auftragskiller, der Menschen für Geld tötet. Ich mag es absolut wie Mustaine "It brings me great pleasure to say my next job is you!" singt. 

Zunächst mal gefällt mir das Ganze irgendwie schon, obwohl es auf den ersten Blick irgendwie leicht


generisch erscheint. Es sind halt die typischen Zutaten für ein Thrash Metal Album. Uffta-Uffta-Schlagzeug, Gitarrensoli, dämonische Einspieler, eine ziemlich hohe Stimme und selbstverständlich Texte aus der Ich-Perspektive als auch Storytelling. So geht es zum Beispiel in "The Skull Beneath The Skin" tatsächlich um das Maskottchen der Band: Vic Rattlehead, der auch auf dem Cover abgebildet ist. Tatsächlich gibt es wohl aber auch einen Titelsong der auch so heißt: "Rattlehead". Irgendwie ist dieser äquivalent zu Metallicas "Whiplash". Megadeth covern hier auch "These Boots (Are Made For Walking") von Lee Hazlewood, dass am ehesten als Song von Nancy Sinatra bekannt ist. Was zur Hölle? Aber es funktioniert erstaunlich gut. Dabei hört sich Mustaine an wie Lemmy. Mein Lieblingssong hier rauf ist "Looking Down The Cross". Darin geht es um den Tod Jesus Christus' auf dem Kreuz. Worüber sollte es denn sonst gehen? Und tatsächlich schafft man durchaus detailreich alles zu erzählen ohne in blasphemische Klischees einzutauchen. "Mechanix" wurde übrigens geschrieben als Mustaine noch bei Metallica war - ein Teil des Songs hat der Rest der Band zu "The Four Horsemen" verwurstet. Witzig.

Fazit: Hätte nicht gedacht, das mir das so gut gefallen würde. Ich bin mal gespannt, wie sich das letzte Album anhören wird.

7,75/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: These Boots, Looking Down The Cross, Mechanix



Und das letzte Album, tatsächlich das allerletzte weil Megadeth sich aufgelöst haben trägt den Titel...

Megadeth (2026)

Aufgenommen in der Formation: Dave Mustaine (voc, git), Teemu Mäntysaari (git), James LoMenzo (b), Dirk Verbeuren (dr).


Siebzehn Alben später hat sich einiges verändert. Von der ursprünglichen Besetzung ist nur noch Dave Mustaine übrig. Um Bassisten Dave Ellefson gab es vor einigen Jahren ein Skandal weil er...zwar rechtlich betrachtet kein Pädo ist aber mit einer 19-jährigen "seggsschreibne" gemacht hat. Dave Mustaine hat ihn also gefeuert. Nun also das letzte Album:

Selbstverständlich hat sich musikalisch auch alles verändert. Megadeth sind nicht mehr die Band die schneller und härter als Metallica sein sollte. Stattdessen haben wir eine typische Wendung zu teilweise langsameren Riffs, die zugleich melodischer und zugänglicher sind. Außerdem wendet Mustaine diese Art zu Singen an, die er sich über die Jahre angeeignet hat: Manchmal redet er mehr als er singt, und wenn dann nicht mehr in dieser hohen Tonlage. Die Texte sind durchaus persönlicher Natur - und leider auch relativ generisch. So heißt es in "I Don't Care", dass er grundsätzlich keinen Fick darüber gibt, was die Leute von ihm halten. "Let There Be Shred" ist im Grunde ein Song über die Metal Musik selbst. "Another Bad Day", mit diesem fürchterlichen stereotypen Refrain, handelt von...einen weiteren schlechten Tag. "Made To Kill" is im Grunde die Fortsetzung von "Killing is my business" und man spricht hier irgendwie von militärischen Einsätzen für den Frieden, die im Sterben von Zivilisten münden.

Teemu Mäntysaari ist ein großartiger Gitarrist, der verdammt viele Soli einstreut. Ich wusste gar nicht, dass er ursprünglich von der Band Wintersun kommt. Symphonic Death Metal war aber nie so richtig mein Ding. Dass es sowas überhaupt gibt. Jedenfalls sehe ich hier so einige Baustellen oder viel eher problematische Ansätze. Hier und da gibt es diese coolen Soli, supergeile prügelnde Drums und auch Mustaines Gesang gefällt mir...hier und da. Die Songtexte sind allerdings viel zu generisch und durchaus vorhersehbar. Es ist eine äh mixed can of beer, wie man vielleicht ausdrücken könnte. Kein zu schlechtes Album, aber auf jeden Fall eins dass gegen Ende eher schlechter wird als besser. Schwächster Song ist meiner Meinung nach "I Am War". Immerhin taugt das "Ride The Lightning"-Cover etwas.

5/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: Ride The Lightning, Made To Kill, Tipping Point




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Ulver Discography: Sic Transit Gloria Mundi EP (2017)

Erschienen zwischen "The Assassination of Julius Caesar" und "Flowers of Evil". Zweitgenanntes ist mein absolutes Lieblingsalbum von Ulver. Es sind hier ganze drei Songs zu hören: "Echo Chamber (Room of Tears)", "Bring Out Your Dead" und "The Power of Love". Die ersten beiden sind Songs die es auf das vorherige Album nicht geschafft haben. Poppig, tanzbar, sehr wavy und ziemlich ziemlich 80s, ohne jedoch zu viel an Synthies und übertriebenen Haarlack-Frisuren mit sich zu bringen. Es kingt
gleichzeitig so schön old school und so modern. Man samplet sogar irgendwelche Zitate der NASA(?) aus einer Weltraum-Mission (?). "The Power of Love" kommt allerdings tatsächlich aus eben dieser Zeit, die ich grade erwähnt habe. Es ist nämlich ein Cover von Frankie Goes To Hollywood. Allerdings ist es kein tanzbarer Banger wie "Relax" gewesen, sondern etwas nachdenkliches, schunkelndes und schönes. Also genau passend für Ulver. 

Diese EP ist eine von vielen Beweisen, dass diese Band alles kann, nichts muss aber trotzdem macht. Sie könnten, glaube ich, auf dem nächsten Album auch wieder Black Metal machen. Ich glaube, das würde ihnen gelingen.

8/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: Alles


Was läuft sonst? 

Es war Mord - Frühling der Verrät. Review von Raphi.

"Es gibt Bands, die einfach auf einem komplett anderen Zeitstrahl leben, und dazu gehören definitiv Es War Mord aus Berlin. Wir haben es hier seit 2016 mit Hardcore Punk und Deutschpunk mit düsterer Färbung im Stile der 1980er zu tun. Und mit "Frühling der Verräter" hat die Band aus Berlin zehn Jahre nach ihrer selbstbetitelten Demo inzwischen ihr drittes Album veröffentlicht. Vom Indie-Label Sounds of Subterrania haben sich Es War Mord verabschiedet. Stattdessen erscheint "Frühling der Verräter" bei Sabotage Records. Produziert wurde das Album von Tomatenplatten-Labelchef und Beatsteaksdrummer Thomas Götz, gemischt von Karen Dhiós und gemastert von Wolfgang Gottlieb. Ein Dutzend neue Tracks bescheren uns Es War Mord, und eröffnen eine halbe Stunde lang ein Portal in
eine finstere Welt. Hier, im "Frühling der Verräter" ist alles irgendwie schon verloren. Die hier beschriebene Realität könnte eine mögliche Zukunft unserer Welt sein; oder auch ein paralleler Zeitrahl, der spätestens im 20. Jahrhundert noch schlimmer abgebogen ist als unsere Welt. Der Sound erinnert oft an Chaos Z oder Fliehende Stürme, und manchmal an die (leider) weniger bekannten L'appel du vide, was keineswegs etwas Schlimmes ist. Vor allem brechen Es War Mord geschickt aus den typischen musikalischen Themen des Depro Punk oder Düsterpunk aus: das Ganze klingt rotziger, wütender, widerborstiger. Außerdem jagt hier ein Highlight das nächste. Da ist beispielsweise die Referenz auf Ton Steine Scherben "Keine Chance", die Hymne "1000 Jahre" oder auch das Hardcorepunk-Gewitter "Tod in Frankreich". Von vorne bis hinten ein großartiges Donnerwetter, auch wenn ich mich anfangs etwas an den Gesang gewöhnen musste.

9/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: Keine Chance, 1000 Jahre"



Sonntag, 13. September 2026

So isses, Musik!#219

DEUTSCHPUNK FEGEFEUER:

So. Wir bleiben bei E und schließen damit dieses Kapitel ab. Nächstes mal geht es mit F weiter. Here we go again...

Egotronic – Von nichts gewuszt:

Gregor:

Mich macht dieser Song leicht wütend. Nicht wegen des Inhalts und der Einstellung die darin propagiert wird. Sondern eher weil im Background dort jemand singt, den der Krebs uns weggenommen hat. Ich habe Egotronic in meinem Leben (ähnlich wie bei Hammerhead in 2-3 unterschiedlichen Phasen) live gesehen und habe sie in meiner Jugend (sprich mit 17-18 Jahren) eine Weile lang wirklich konstant gepumpt. Und das obwohl ich damals noch gar nicht "antideutsch" war bzw. sogar irgendwie dagegen weil als junger Linker findet man "Nationalstaaten ja generell doof" oder irgendwie so ein Scheiß. Ich werde diesen für mich ersten Auftritt auf dem Würzburger "Umsonst & Draußen" niemals vergessen. Später dann irgendwann im Cairo, dann im Oberhausener Druckluft, irgendwann auch auf dem KAZ Open Air. Immer eine Stimmung dabei, die auf positive Weise die Luft sprengt, quasi die Luft in die Luft jagt. Apropos in die Luft jagen: Ganz antideutsch-typisch hat irgendjemand damals ein Musikvideo hochgeladen dazu, dass eigentlich nur aus einem Standbild von Arthur Harris bestand. Dieser spricht auch im Intro. Es geht nicht darum ganz edgelord-mäßig die Bombardierung von Dresden abzufeiern, nein. Es geht um den deutschen Opferkult und was für eine gehirngewaschene Scheiße das ist. Dabei singt Torsun hier nur im Background und im Vordergrund wahrscheinlich Hoerm. Ich weiß es aber nicht, da ich die Namen der anderen beiden Gründungsmitglieder nie vollständig auf dem Schirm hatte. Asche auf meinem Haupt. Die Message ist klar, der Song ist fetzig. Ich habe alles gesagt.

Philipp: 

"Ich habe Torsun immer dafür respektiert, dass er große Teile der deutschen Punkszene dazu gebracht hat, sich noch mal auf eine andere Art und Weise mit Israel auseinander zu setzen. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr seine Worte und seine Präsenz fehlen. Musikalisch habe ich ihm sicherlich des Öfteren Unrecht getan, habe Egotronic mehrfach live gesehen, fand es nie besonders gut und habe mich auch sonst nie eingehender damit beschäftigt. Manche Dinge lernt man erst zu schätzen, wenn sie nicht mehr da sind. Retrospektiv vielleicht eine der wichtigsten Punkbands der frühen 2000er. Möge die Erde dir leicht sein."

Raphael:

"Ich wünsche mir manchmal, ich hätte schon früher den Zugang zu Egotronic gefunden. Immerhin habe ich es geschafft, die Band an meinem 32. Geburtstag live zu sehen. Hier liegt uns ein Song vom 2006 veröffentlichten Debutalbum "... die richtige Einstellung" vor, und ich kann die Wut und die Energie sehr gut nachvollziehen. Vielen Dank für alles Torsun!"

Eisenpimmel – Malle Mallorca:


Gregor:

Irgendwann vor knapp 20 Jahren in einer Sendung von "Radio69" entdeckt und sofort fasziniert gewesen. Was zur Hölle ist das? Ein Song über "Mallorca" wobei es komplett falsch ausgesprochen wird. Dabei habe ich den Text nicht wirklich verstanden. Als ich mit meiner Schule auf einer Fahrt nach England unterwegs war habe ich ganz kurz den Text "Sangria macht die Nudel hart" eingestimmt und wurde sofort von einer Lehrerin gerügt. Ich wusste nicht warum, weil naja ich habe den Text sowieso nicht verstanden. Egal. Viele Jahre später habe ich Eisenpimmel für mich noch mal entdeckt. Es ist quasi das gleiche wie mit den Kassierern. Eine Band die von ihren Fans falsch verstanden wird und irgendwie auch ernst genommen wird. Dabei parodieren sie gekonnt alles an Ruhrpottklischees was es nur so gibt. Und hier haben wir einen Schlagersong der sich mit einer Reise auf die Insel Mallorca beschäftigt. Dabei nimmt man JEDES textliches Klischees eines solchen Party-Schlagersongs und ballert es raus: "Scheißegal", "Kotzabteil", "Unten ohne oben nackt". Ich würde ja nicht mal sagen, dass es Parodie mit Augenzwinkern ist sondern eine direkte Verhöhnung. Ich feier diesen dummen, großartigen Song mit all diesen debilen Passagen: "Ich hab n Eimer, dat ist jetzt meiner(...) geh wech du Tier du krichst kein Bier!".

Philipp: 

Puh, meine Humorlosigkeit wird hier gerade auf eine harte Probe gestellt. Tatsächlich kaufe ich Eisenpimmel die Satire noch mal wesentlich besser ab als diesen furchtbaren Kassierern und das hier ist so herrlich überdreht Petry-esk, dass es einen komplett anspringt. So sehr ich auch die Funpunk- und Prolo-Fraktion verachte, das ist einfach großartig. 

Raphael:

"Wir haben es hier mit dem klügsten dummen Text zu tun. Ein Meisterwerk der Satire. So gut, dass es wehtut. Überall. Eisenpimmel nehmen den Spaß so ernst, dass man manchmal genau hinschauen muss, wie spaßig dieser Ernst ist. Es ist großartig und sehr anstrengend."

Ernte 77 – Faszination Hubschrauber:

Raphael:

"Die selbsternannten Toten Hosen des Punk Rock sind seit einiger Zeit eine meiner Lieblingsbands mit ihren schnellen und eingängigen Riffs und den teils dödeligen und teils klugen Texten. Das 2024 veröffentlichte Album „Gruß aus der Küche“ ist eine Sammlung von 19 Hits; einer schöner als der andere. Als Höhepunkte möchte ich erwähnen „Das Konzept Deutschland ist mir zuwider“, „Landungsbrücken rein“, „Kostenfalle Ballern“, und natürlich die Ode an die Fortbewegung in der Luft „Faszination Hubschrauber“."

Philipp: 

"Wie konnte diese Band an mir riesengroßem Supernichts-Fan vorbei laufen? Abgedrehter melodischer Punk eindeutig Kölscher Ausprägung, gespickt mit Referenzen (allein die Doppelreferenz bei "Und ich weiß nicht genau...") über die wirklich wichtigen Themen des Lebens (siehe Titel)."

Gregor:

Alter. Scheisse, ist das geil. Ein Song als Liebeserklärung an Hubschrauber. "Ich weiß nicht genau wie das physikalisch funktioniert" "Aaaaaaaaaaaaaaaaaaah, HubschrauBÄR!". Ich kann mir jetzt schon vorstellen bei einem Live-Auftritt vor der Bühne zu stehen und genau nach diesem Song zu rufen. Okay, gegen Ende, also die letzten paar Sekunden wird es schon etwas merkwürdig, aber ansonsten finde ich es großartig. Nicht semi-ironisch, nicht dumm-lustig sondern einfach awkward. Das beweist mal wieder dass ein Punkrocksong über so gut wie alles geschrieben werden kann. Ich feier es.

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FROM FIRST TO LAST: Motörhead

Wieder mal so eine Band die zig Alben veröffentlicht hat und bei welcher es interessant wäre, sich die komplette DIscography reinzuziehen. Allerdings fehlt dafür einfach die Zeit. Daher....

das erste Album ist

Motörhead (1977)

Veröffentlicht im Jahre 1977 ist "Motörhead" nicht das erste Album von Motörhead. Eigentlich war es "On Parole" von 1975, das allerdings erst im Jahre 1979 von United Artists veröffentlicht. Es gab nämlich so einige Probleme mit dem Label als auch eine Entlassung der Band...und so wurde das erste offiziell veröffentlichte Album auf Chiswick Records rausgebracht.

Was man heutzutage vielleicht als "Joa, ist halt Motörhead" bezeichnen könnte, war damals noch gar nicht gang und gäbe und definitiv etwas neues. Obwohl das Album irgendwie als "Heavy Metal" kategorisiert wird ist es für mich in erster Linie ein uneheliches Kind von Punkrock und Rock'N'Roll. Genauso schnell, dreckig, "roh" und ziemlich lo-fi. Eine Wall of Sound aus äh unglaublicher


Schnelligkeit (die natürlich irgendwann übertroffen wurde) trifft auf Lemmy Kilmisters Whiskey/Zigaretten-Stimme. Eddie Clarke an der Gitarre. Phil Taylor am Schlagzeug. 

Klingt für mich stellenweise irgendwie psychedelisch (wenn ich daran zurückdenke, dass Lemmy mal bei Hawkwind gesungen hat), zum Beispiel bei "Iron Horse"/"Born to Lose". Es gibt einen Song hierauf, der "Motörhead" heißt. Von einer Band namens Motörhead auf einem Album namens "Motörhead". Wenn man da nicht bei Black Sabbath abgekupfert hat. Der Beste Song hier ist definitiv "White Line Fever". Klingt für mich am ehesten nach Heavy Psych. Es ist euch offengelassen, um welche weißen Linien es hier geht. Aber ich glaube, das könnt ihr euch schon denken. 

Meiner Meinung nach nach ein gutes Album, vor allem wegen seiner Lo-Fi-ness, dem Gefühl dass alles irgendwie nach dem ersten Take aufgenommen wurde oder an einem Tag. Tatsächlich waren es einige wenige Tage. Allerdings ist es, trotzdem nicht das beste was Motörhead jemals gemacht haben. Es geht definitiv noch besser. 

7/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: White Line Fever, The Watcher, The Train Kept A-Rollin'




und nun sind wir beim 23. und somit letzten Studioalbum angekommen. Es heißt

Bad Magic (2015)

Ich könnte jetzt so schlechte Witze machen und sagen "Ha, kaum habe ich es angemacht, klingt es nach Motörhead". Aber ich mache das nicht. Auch die Behauptung "Das ist zwar ihr letztes Album, könnte aber gleichzeitig das erste sein" stimmt nicht. "Bad Magic" klingt definitiv nicht wie "Motörhead" sondern zeigt 40 Jahre Bandentwicklung. Ob es einem gefällt oder nicht, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Auf "Bad Magic" ist nichts mehr von irgendeinem "Heavy Psych" oder "Space Rock"-Einfluß zu hören. Stattdessen genau das, wofür die Band berühmt wurde. Heavy Rock'N'Roll mit hier und da

eingestreuten Soli, einer noch mehr nach Whiskey und Zigarette klingenden Stimme von Lemmy Kilmister, Schlagzeugspiel von Mikkey Dee und ein gewisser Phil Campbell an der Gitarre (seit 1983). Die Besetzung ist also eine (bis auf Lemmy) komplett andere. Das liegt aber nicht daran, dass Lemmy für jedes Album alles ausgetauscht hat - es hat sich alles, meines Wissens nach, organisch entwickelt.

Jedenfalls ist das hier schon ein geiles Stück Musik. Allerdings muss man dabei beachten, dass trotz der Tatsache dass irgendwelche Hater behaupten es würde hier "alles gleich" klingen, man tatsächlich einer gewissen Formel treu bleibt. Songs die um die drei Minuten lang sind, rauer Gesang, schnelle Riffs, donnerndes Schlagzeugspiel und Texte über...naja die Titel sind selbst erklärend: Victory or Die, Shoot Out All Your Lights, Teach Them How To Bleed. "Don't tell me who I am, I don't give a damn" ("Electricity") heißt es dann zum Beispiel. Und ich mein, es funktioniert. Es ist catchy, man kriegt mich dazu meinen Kopf zu nicken und mit meinem Fuß zu wippen. "Till the End" ist eine großartige, langsame Überraschung. Es ist halt Motörhead. Aber ich werde an der Stelle beichten und sagen, dass es wahrscheinlich nicht mein Lieblingsalbum ist. Da ist mir doch zu viel Formel dahinter. Höchstwahrscheinlich liegen die wahren Perlen irgendwo zwischen "Motörhead" und "Bad Magic". (Zum Beispiel "Orgasmatron"!).

Anspieltipps: Till the End, Electricity, Sympathy for the Devil (Rolling Stones)
7/10 Pfandflaschen


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Ulver Discography: A Quick Fix Of Melancholy EP (2003)

Rausgekommen zwischen dem Soundtrack zu "Lyckantropen" und dem Soundtrack zu "Svidd Neger". Das nächste "richtige" Album, was danach kommt ist "Blood Inside". 

Lange Rede, kurzer Sinn: Vier Songs. "Little Blue Bird", "Doom Sticks", "Vowels", "Eitttlane". Definitiv eine andere Richtung als die EPs davor. Es ist nicht nur Ambient sondern gleichzeitig auch irgendwie Neo-Klassik. Jedenfalls singt Kristofer Rygg hier auf eine opernhafte Art und Weise. Ich

glaube, dass dazu aber auch noch entsprechender Gesang gesamplet wurde, finde allerdings keinerlei Angaben dazu.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, wie genau ich dieses Album in meinem Kopf einordnen sollte. Es ist nicht tanzbar, es ist nicht "schwer" oder "verstörend". Im Grunde genommen ein durchaus seichtes Werk, dass nach einer experimentellen Opfer klingt.

Irgendwie erinnert mich das Ganze entweder an Enya oder an Lingua Ignota plus irgendwas anderes, was ich jetzt gerade nicht kategorisieren kann. Mir gefällt es aber und zeigt mir mal wieder dass Ulver irgendwie nichts wirklich falsch machen können.

Anspieltipps: Alles.
8/10 Pfandflaschen




Sonntag, 30. August 2026

So isses, Musik!#218

DEUTSCHPUNK-FEGEFEUER:

In dieser Ausgabe ist es vorbei mit dem Buchstaben D und wir gehen mit E weiter. Somit nehmen wir uns vor...


Raphi:

"Musikalisch wird hier immer wieder die Grenze zwischen Depro-, Deutsch-, und Deutschpunk aufgelöst. Duesenjaeger sind meines Erachtens nach eine der wichtigsten Bands der zweiten und dritten Punk Rock-Welle in Deutschland. Und in den 2020ern, als viele Bands wie Bubonix, Amen 81, oder auch Hammerhead große Comeback feierten, gehörte auch das Album „Die Gespenster und der Schnee“ zu einer meiner liebsten Veröffentlichungen. Hier hätten einige Titel stehen können; ich habe mich für „Brandmelder“ entschieden."

Philipp:


"Eine der stabilsten und konsistentesten deutschen Punkbands, mittlerweile selbst netto deutlich über 20 Jahre auf dem Buckel. Sonic Youth und Wipers sind hierbei Religion und Herr Neumann ihr Hohepriester.
Kluge, aber nicht zu verklausulierte Texte und dabei ein ziemlich rauher Charme. Hier spielt die Band auf dem Boden und alle stehen in der ersten Reihe. Danke, Duesenjaeger." 

Ich:

Cooles Video. Ich glaube, der Drummer trägt ein T-Shirt der Powerviolence-Band "ILL!", wenn ich mich nicht irre. Der Name "Duesenjaeger" ist immer wieder vor meinen Augen aufgetaucht. Wahrscheinlich in irgendwelchen Reviews in der VISIONS oder der OX. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls habe ich bis grade eben noch keinen einzigen Song gehört. Keinen einzigen. Und meine Fresse, was habe ich verpasst. Es ist so fantastisch. Ich mag diesen Gesangsstil, irgendwo zwischen deutschsprachigen Hüsker Dü, EA80 und irgendwas aus Hamburg. Was die Instrumentals betrifft, so hört sich das, finde ich, auch relativ ähnlich an. Irgendwas zwischen traurig und doch so hoffnungsvoll. Ich mag das, ganz ehrlich und ich glaube dass ich nächstes Jahr ein Deutschpunk-Monat machen werde. Dazu haben mich jetzt speziell Duesenaeger gebracht.

Ich:

"Noch 3":

Ich habe EA80 für mich im Würzburger Plattenladen H2O entdeckt. Die "Alle Ziele" CD hat mich irgendwie angesprochen. Sie wurde angehört, gekauft und mit nach Hause genommen. Ich würde sie niemals hergeben. Ich liebe dieses schlichte Artwork und diese durchaus, sagen wir mal, deprimierenden Texte. Damals schon, also vor rund 18 Jahren (?) ist mir der Song "Noch 3" aufgefallen. Ich weiß nicht ob ich eine Trennung durchgemacht habe oder ob mich irgendwas anderes runter gezogen hat. Aber die Zeile "Drei Tage noch wirst du existieren in meinen Tränen, dann werd ich nicht mehr weinen und dich hat es nie gegeben" hat mich sehr beeindruckt. Ich weiß nicht ob es im Song um eine gescheiterte Beziehung geht oder um den Tod eines Mitmenschen. Aber das ist mir egal. Der Song ist mir trotzdem sehr wichtig.

"Tot sind wir noch lange nicht":

Alle Achtung. Dies ist eine Coverversion. Und zwar von EA80 selbst. Tatsächlich haben sie 2004 diesen Song von ihrem älteren Album "Vorsicht Schreie" noch mal aufgenommen. Ihr findet ihn irgendwo hier. Im Gegensatz zu "Noch 3" ist "Tot sind wir noch lange nicht" vielleicht nicht "aggressiv" aber definitiv "angriffslustig" und zumindest für meine Ohren der deutschpunkigste Song dieser nicht sehr deutschpunkigen Deutschpunkband EA80. Auch das Original schlägt in eine ähnliche Kerbe. Etwas "upbeat", etwas "zackiger". Und lyrisch natürlich erste Sahne. Es geht augenscheinlich darum, trotz aller Widrigkeiten wegen welcher man auf die Schnauze fällt immer wieder aufzustehen - oder um es anders auszudrücken, nicht nur Widrigkeiten entgegentreten sondern auch Leuten die es einen im Leben schwer machen. Mir gefällt die 2004er Version tatsächlich etwas besser weil sie in meinen Ohren gefestigter und aggressiver klingt.

Philipp:

"Noch 3" und "Tot sind wir noch lange nicht"

EA80 sind wirklich ein Phänomen, keine Internetpräsenz, kein Merch, Tonträger so gut wie nur Vinyl, alle 3-4 Jahre ein neues Album in gleichbleibend hoher Qualität und diese Konsequenz seit über 40 Jahren. Von den richtigen Leuten völlig zu Recht nahezu kultisch verehrt. Düster, sperrig, poetische Texte, absolute Ausnahmeband. Wer sie nicht kennt, möge sie kennen lernen.

Raphi:

"Noch 3"

"EA80 befassen sich ja selten mit den einfachen oder farbenfrohen Themen, und so ist auch "Noch 3" ein Ausflug in die dunkleren Gefilde des Seins. Wenn ich den Song richtig verstehe, geht es um Schmerzen, um gesellschaftlichen Druck, um Aushalten, und um Suizidalität. Wir sollten alle mehr über unsere Gefühle sprechen, und mehr EA80 hören. Ich liebe diese Band."

"Tot sind wir noch lange nicht":

"Panzerfaust heißt jetzt EA80; also schon seit 1980, aber das wollte ich nur mal eben erwähnen. Ich finde es faszinierend, wie sich die Band mit ihrem melancholischen Klang seit Jahrzehnten erfolgreich in den Sphären des Punks beweisen kann. Und der Songtitel spricht Bände, denn EA80 sind zum Glück noch immer da. Fun Fact: als ich in der TIDAL App nach dem Song gesucht habe, wurde mir „Wir ham‘ noch lange nicht genug“ von einer Band aus Hösbach vorgeschlagen. Naja…"

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FROM FIRST TO LAST: Die Toten Hosen

Nun sind wir also bei einer Band angekommen, die ich in meiner Jugend durchaus oft gehört habe. Allerdings ist mein Interesse irgendwann verflogen. Ich bin der Meinung, dass die komplette Discography hier meine Zeit und Kapazitäten sprengen würde. Genauso wie die Motörhead, Iron Maiden, Judas Priest oder so. Deswegen gibt es diese Rubrik hier. Wir betrachten also das erste Album

"Opel-Gang" (1983)

Aufgenommen in folgender Besetzung: Campino (voc), Andreas von Holst (git), Michael Breitkopf (git), Andreas Meurer (b), Trini Trimpop (dr)


Meine Fresse, habe ich dieses Album lange nicht gehört. Beziehungsweise, habe ich es überhaupt gehört? Ich glaube, ich habe in meiner Jugend schon fast alles von den Hosen mindestens einmal gehört. Allerdings ist die Erinnerung daran nicht wirklich hängen geblieben. Ich frage mich bloß, wieso. Vielleicht hat es mich damals nicht ganz angesprochen wie "Kauf MICH!" oder "Unsterblich". 

"Reisefieber" ist ein großartiger Song über eine Flucht nach vorn aus einem tristen Leben, dass einen doch nachholt. "Allein vor deinem Haus oder dein Vater der Boxer" ist eine witzige Geschichte über einen Jugendlichen der seine Angebetete besucht, nur um festzustellen dass ihr Vater seinen Konkurrenten verprügelt hat. "Kontakthof" handelt von Prostitution in Bordellen und hinterfragt das Ganze allerdings eher aus gefühlstechnischer Sicht, ohne jedoch den zwanghaften Charakter des Ganzen zu beleuchten. Immerhin stellt man sich die Frage ob Sex ohne Gefühle für Geld denn überhaupt das Richtige ist. In "Willi muss ins Heim" geht es nicht um einen Hund der zurück ins Tierheim muss sondern um die Unfähigkeit der Eltern mit ihrem schwierigen Kind umzugehen. So wird sinnlos mit einer Abschiebung ins Heim gedroht. Vom Titeltrack will ich gar nicht erst reden. Es ist eines dieser Punkrock-Hymnen die man sofort mitsingen kann, trotz des holprigen Gesangs.

Das Album ist kaum zu vergleichen mit den Werken von DTH aus den 1990ern oder den frühen 2000ern. Das war nämlich genau die Phase die ich mir reingezogen habe - größtenteils. Es ist ein...Punkrock-Album, stellenweise durchaus deutschpunkig, also nach ähnlichen Mustern von gängigen deutschsprachigen Bands der Zeit. Größtenteils durchaus kurze Punkrocksongs stellenweise gewürzt mit Post-Punkigen Elementen. Allein "Ülüsü" könnte aus dem Feder eines Post Punk Band stammen. Meines Erachtens ein schnelles, punkrockiges, jedoch abwechslungsreiches Album, dass ganz und gar nicht langweilig ist. Bis auf "Hofgarten". Schreckliches Lied.

Anspieltipps: Ülüsü, Reisefieber, Opel-Gang, Willi muss ins Heim
7,5/10 Pfandflaschen




und nun auch das letzte Album, weil Die Toten Hosen sich dieses Jahr offiziell auflösen. Es heißt

"Trink aus! Wir müssen gehen" (2026)

Aufgenommen in folgender Besetzung: Campino (voc), Andreas von Holst (git), Michael Breitkopf (git), Andreas Meurer (b), Vom Ritchie (dr)

Ich habe in meiner Jugend neben Hosen und einer gewissen Band aus Frankfurt auch die Ärzte gehört. Bin mittlerweile eigentlich der Meinung, alle drei gehören längst aufgelöst. Ich bin weiterhin der Meinung, dass zumindest DÄ komplett überflüssig geworden sind. Trotz alledem ist es doch ganz angenehm, zu Beginn des letzten Hosen-Albums Farin Urlaub zu hören. Und zwar im Song "Hier sind die Hosen". Er gibt sich betont ärzte-typisch ironisch. Es ist irgendwie erfrischend und gleichzeitig doch ganz schön. Weiterhin heißt es "Hamsterrad statt Looping-Bahn" in "Die Show muss weitergehen". Und es wird richtig schön typisch Toten Hosen. Ich hasse es. Alles ist irgendwie "alt", man blickt zurück auf das eigene Leben und irgendwie muss alles weiter gehen. Das habe ich schon tausend mal gehört.

"Schlechte Nachbarn" gefällt mir etwas besser. Mehr uptempo, mehr Punkrock. Was mir an diesem Album gefällt ist der Verzicht auf irgendwelche Songtitel die irgendwie nachdenklich sind. So heißt es hier "Lass mal nicht machen", "Was ist mit uns los", "Was früher einmal war". Dabei ist "Lass mal nicht machen" ein fürchterlich peinlicher Song über füchterliche Peinlichkeiten wie "im Rammstein T-Shirt zum Weltfrauentag unterwegs" oder "einen weißen Hai streicheln". Irgendwie soll das lustig sein, aber ich finde es nicht lustig. "Was früher einmal war" ist tatsächlich eine Reminiszenz auf die ganze frühere Karriere, gespickt mit typischen Hosen-Pathos. Ich könnte schwören schon mal sowas ähliches wie "Wir werden nie VERGESSEN woher wir gekommen siiiiiiind" aus Campinos Mund gehört zu haben. 

Und am Ende ist alles irgendwie scheißegal. Also mit "scheißegal" meine ich ein typisches Wort im DTH-Vokabular. Ich habe die Hälfte durchgehört und ich bin nicht wirklich schlauer draus gewort. Alles ist so typisch Hosen. "Oaaaah oaaah oooh oh", "Hoffnung", "Alles kommt in Ordnung", "Scheißegal" irgendwas irgendwas. Dabei geht es doch durchaus, dass man auf alles das verzichtet und endlich wieder sowas wie Punkrock macht. "Keine Macht den Proben" ist fantastisch. Aber insgesamt muss ich sagen, dass es mir leider sogar nicht taugt. Oder zumindest nicht halb so viel wie "Opel-Gang". Daran ändern auch einige der besten Cover-Songs auf dem Bonus-Album "Alles muss raus!" nichts.

4/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Keine Macht den Proben, Hier sind die Hosen


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Ulver Discography: Silencing The Singing EP (2001)

Nun sind wir also beim Nachfolger von "Silence Teaches You How To Sing" (diesen überlangen Song auf der gleichnamigen EP), der ähnlich heißt und zusammen mit der eben erwähnten EP auf "Teachings in Silence" wieder veröffentlicht wurde. 


Im Gegensatz zur vorherigen EP lässt man hier den Gesang komplett weg. Es ist weitaus mehr als ein einziges Ambient-Stück. Man bewegt sich (wie inzwischen gewohnt) irgendwo zwischen Trip-Hop (nach meiner Meinung) und einen gewissen Genre dass sich "Glitch" nennt. Letzteres hört sich genau danach an, was der Name auch beschreibt. Verschiedene Audio-"Fehler" in der Aufnahme, die aus beschädigter Hardware resultieren. Später hat man angefangen eben diese "fehlerhaften" Sounds mit vernünftiger Software zu reproduzieren. Ich weiß allerdings nicht ob Ulver hier mit kaputter Hardware gearbeitet haben oder diesen Sound "nachgeahmt" haben. Jedenfalls fühlt sich das hier an wie eine expandierte Version der vorherigen Veröffentlichung - die aber gleichzeitig noch mal introvertierter ist. "Silencing The Singing" hört sich ähnlich an, wie eine Tonaufnahme von einem defekten Radio in einem uralten Auto. Es ist düster und irgendwie creepy aber gleichzeitig familiär. Faszinierend jedoch doch so simpel.

8/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Darling didn't we kill you, Speak dead speaker, Not saved




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Was läuft sonst?

Feindesland - Teufelselexier (2026)

Was macht man eigentlich wenn man gotisch anmutenden Krächzgesang mit Electrobeats a lá Egotronic verbinden möchte? Was singt man da für Texte? Keine Ahnung, aber die Idee Bands wie Troopers, Rasta Knast, Tanzwut, Yohazid, Die Toten Hosen (da sind die schon wieder) und ASP dafür zu covern ist schon sehr außergewöhnlich und frisch.

Die Idee dazu hatte H. (Immer noch keine Ahnung, wie du wirklich heißt, Kollege!) und hat sie von Januar bis Juni 2026 umgesetzt. Ich bin ja Freund der Unterstützung von "kleinen" Musikern/Bands und daher dachte ich mir, es würde super gut in diese Rubrik hier passen. Wirklich großartige Beats die an frühe Egotronic (bevor sie zu einer Band mit Instrumenten wurden) bzw. Björn Peng erinnern. Also quasi "dunkles Kirmestechno" der kein dunkler Kirmestechno ist sondern irgendwas deutlich finsteres. Auf den ersten Blick eine durchaus eigenartige Mischung, die gleichzeitig zeigt dass verschiedene
Songtexte dafür da sind neuinterpretiert zu werden. Niemand hätte gedacht, dass "Ein Fehler der Natur" von Troopers als Dark Electro Song funktioniert würde. Man braucht einfach nur den Willen dazu und tatsächlich keine KI-Tools. Die beiden "gotischen" Coversongs (von ASP und Tanzwut) sind zwar ganz cool, aber mir gefallen die "punk" Coversongs (DTH, Troopers, Rasta Knast, Yohazid) viel viel mehr. Die ungewohnte Mischung macht es tatsächlich besonders. 

PS: Warum eigentlich "TeufelselExier" und nicht "TeufelselIxier"?

7,5/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Armee der Verlierer, Ein Fehler der Natur



Freitag, 14. August 2026

So isses, Musik!#217

FROM FIRST TO LAST: From First To Last

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Unterrubrik bei "So isses, Musik!". Diesmal geht es nicht um irgendwelche Listen oder ganze Discographies oder so. Stattdessen habe ich beschlossen von Bands die mich irgendwie interessieren bzw. die es eigentlich evtl. Wert wären, dass man einen Blick auf ihre Discography riskiert, das erste und das letzte Album zu reviewen. Und damit meine ich das letzte Album, das bisher veröffentlicht wurde. Für einige Discographies fehlt einfach die Zeit und manchmal auch die Lust. Und weil die Rubrik so heißt wie sie heißt, habe ich beschlossen als erstes der Post-Hardcore Band From First To Last eine Chance zu geben.

Das erste Album heißt....

"Dear Diary, My Teen Angst Has A Bodycount" (2004)

Nun, es ist wie es ist. Ein absolutes scene-iges Album, dass sowas von in irgendeinem us-amerikanischen Einkaufszentrum hätte aufgenommen sein können. Die Band bestand zu dem Zeitpunkt aus Derek Bloom (dr), Jon Weisberg (b,voc), Travis Richter (git,voc), Matt Good (git, voc) und Sonny Moore (voc, git). Nach seiner Zeit bei der Band war es für Moore zu Ende. Seine Stimme hat die Anstrengung nicht vertragen. Kurze Zeit später wurde er Dubstep DJ, bekannt als Skrillex. Aber das nur so am Rande.


FFTL sind vielleicht nicht mit My Chemical Romance zu vergleichen, aber wenn dann eher mit The Used. Das sage ich, weil es die einzigen zwei Bands aus diesem Spektrum waren, die ich in meinem Leben gehört habe. Es ist genau das was ich erwartet habe. Ein Albumtitel das ein Filmzitat von Wynona Rider ist. Songtitel wie "I Liked You better Before You Were Naked On The Internet" oder "The One Armed Boxer vs. The Flying Guillotine". Verschachtelte Lyrics, die sich anhören als würde man 10 Sätze gleichzeitig anstelle von nur einem sagen. Sonny Moore klingt besonders schwermütig, manchmal aber besonders verheult und traurig. Zum Beispiel auf "Emily". Meine Fresse, wenn ein Song Emo ist, dann ist es dieser. Er sollte eigentlich im Musik-Wörterbuch stehen, wenn man nachschlagen möchte was "Mall Screamo" oder "2000s Emo" sein soll.

Es ist insgesamt eher durchwachsen, midtempo und für meinen Geschmack doch ein wenig zu weinerlich. Ich mag es eher, wenn man seinen Schmerz rausschreit und wütend ist als traurig. Also, schlecht ist es nicht, aber nun mal nicht ganz mein Fall. Das isses.

Anspieltipps: Kiss Me! I'm Contagious, Note To Self, Ride The Wings of Pestilence
6/10 Pfandflaschen



...und das letzte Album

"Dead Trees" (2015)

Das letzte bisher veröffentlichte Album heißt also "Dead Trees" und wurde in der Besetzung Matt Good (git, voc), Travis Richter (git), Taylor Larson (git), Matt Manning (b), Ernie Slenkovich (dr) und Spencer Sotelo (voc) aufgenommen. Wie ihr lesen könnt, ist bis auf Matt Good und Travis Richter niemand mehr vom Line-Up des ersten Albums da. Nachdem Sonny Moore ausgestiegen ist, hat Matt Good den Gesang übernommen. Travis Richter stieg zwischendurch ebenfalls aus, ist hier aber wieder da. Am Gesang haben wir Spencer Sotelo, den Leadsänger der Prog/Djent Metal Band Periphery. Dieser variert seinen Gesang definitiv anders als Moore, allerdings ebenfalls zwischen cleanen und nicht
cleanen Vocals. Die Instrumentals gehen definitiv in eine andere Richtung - es hört sich "metallischer" an, progressiver, mehr wie eine mathematische Formel. Weitaus weniger scene-ig auch wenn das Albumcover das irgendwie so rüberbringt. Stellenweise höre ich auch definitiv etwas Nu Metal raus - und zwar marke Linkin Park bzw. Spineshank. Andererseits wird es auch ziemlich emo-mäßig, vor allem was den poppigen Gesang betrifft. Wirklich großartiges Werk. Gefällt mir wesentlich besser als das erste Album.

8/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Black And White, I Solemnly Swear That I Am Up To No Good, 



DEUTSCHPUNK-FEGEFEUER:

DxBxSx – Der Mittelstand

Raphi:

"Drive By Shooting aus Berlin machen Musik, die verdammt nach Berlin klingt. Das Ganze klingt ein bisschen nach einer Mischung aus Stoner Rock, Deutschpunk, einer Suppe aus Bier und dem Boden eines Aschenbechers, und jeder Menge keine Lust auf Arschlöcher. Und zu den vielen Leuten, denen DxBxSx mal den gestreckten Mittelfinger zeigen wollen, gehören auch Neoliberale."

Philipp:

"Ich kann mit dieser Band aus Prinzip nichts anfangen, das könnte unter anderem daran liegen, dass Berlin für mich die überbewertetste Stadt Europas ist, Berliner für mich Pfannkuchen heißen und ich die Berliner Schnauze für eine Infektionskrankheit halte.
Zudem kann ich dieser Stadt einfach nicht verzeihen, dass einer meiner liebsten Musikerkollegen seine Thüringer Provinz für sie im Stich ließ und lieber dort sein neues Glück (murxpunx.bandcamp.com) suchte. Und es gibt kaum eine Band, die mehr nach Berlin klingt, aussieht und riecht als DXBXSX. Wer's mag. Ich gehe dann mal heimlich unter der Bettdecke "Ihr!Alle!Immer!" hören."

Ich:

Ich weiß nicht an welche Deutschpunk-Legende mich der Sänger erinnert. Aber irgendwie kommt mir die Stimme bekannt vor. Wirklich sehr kurzweilige Lyrics. "Unterstützt den Mittelstand, Mittelstand, Mittelstand (...) gebt die Kinder aus der Hand!". Ziemlich cooles Gitarrensolo. Und später noch ein Riff dass an "Too Drunk To Fuck" von Dead Kennedys erinnert. Eine ironische "Auseinandersetzung" mit dem äh Mittelstand, also irgendwie ein Mittelfinger an äh den Mittelstand. Es ist irgendwie....belanglos. Also, klar nach allen Regeln des Deutschpunks tatsächlich gut durchgespielt. Der Song bleibt im Ohr stecken und ist simpel aufgebaut. Ich finde das allerdings schon beim zweiten Durchhören äußerst nervig. Ich kann mir nicht vorstellen, ein ganzes Album davon anzuhören.

Dödelhaie – Stolz

Raphi:

"Die Dödelhaie haben einen ziemlich dummen Namen und waren eng mit Daily Terror befreundet. Auch musikalisch finde ich die Band aus Duisburg eher unangenehm und unreflektiert. Ein paar Hits hatten sie dennoch, und dazu gehört eben die stark verkürze Kritik am Nationalstolz namens „Stolz“."

Philipp:

Dass uns Raphael solch einen Sondermüll zum reviewen vorsetzt, zeugt von einer sympathisch sadistischen Ader. Die beschissene Band mit dem beschissenen Namen scheint es wohl tatsächlich immer noch zu geben, sie ziehen immer noch 16Jährigen das Geld aus der Tasche und lassen ab und zu durch Nazi-Hacker ganze Kontaktdatenlisten veröffentlichen. Das war zumindest das letzte was ich mitbekommen habe, bevor ich zu alt war, mich jemals wieder mit dieser Bums-Kapelle zu beschäftigen. Schlechte Musik für schlechte Menschen, schlechte Texte, die von 16jährigen Jungpunks wohl okay wären aber nicht von angeblichen Szene-Helden. Deutsche Exploited (so abfällig wie möglich gemeint.).

Ich:

Ich habe diese Band tatsächlich nie kontinuierlich gehört. Meiner Erinnerung zufolge hatte ich irgendwelche einzelnen Tracks, die es kostenlos zum Download gab. Zum Beispiel das Lied "Radikal". Ich verstehe den Bandnamen nicht. Was habt ihr mit Pimmeln und Haien? Warum macht ihr solch beschissene Musik? Okay, das Riff am Anfang ist irgendwie cool. Dieser Gesang und die Art und Weise wie der Sänger bestimmte Worte ausspricht ist unfassbar nervig ("in der Schweiiiiiiz!"). Der Text sowieso. Soll eine Auseinanderstzung mit Nationalstolz sein, klingt aber eher wie "ugga ugga wir singen das was andere schon gesungen haben". Meine Fresse, warum? Waruuuuuuuuuum? Mir fällt dazu dieses Meme ein mit dem alten Mann der sich vor seiner Haustür auf den Boden legt, weil irgendjemand ihn dahin gepinkelt hat und er dabei "waruuuuum was hab ich dir getaaaaan?" schreit.

DritteWahl – Sonne und Meer

Raphi:

"Den Song habe ich mir damals mit einem 28.8K Modem heruntergeladen und ich bereue bis heute keine der vielen Minuten, die ich dafür gebraucht habe. Bis heute riecht das Lied für mich nach frischer Seeluft und all dem Ekel, den ich auf meinem einzigen Besuch beim Force Attack Festival erlebt habe. Seitdem habe ich Dritte Wahl bestimmt vier mal live gesehen, aber kenne eigentlich bis auf „Hash“ und „Sonne und Meer“ fast keinen Song. Ich liebe aber das lange Outro und den Gesangseinsatz zu Beginn der zweiten Strohpe."

Philipp:

"Dritte Wahl waren tatsächlich eine der wichtigsten Bands meiner Jugend. Die erste Punkband, die ich wirklich für hart hielt, die erste Band, die mir musikalisch die Tür in andere Genres geöffnet hat und dazu noch echt annehmbare Texte hatte. Es gibt kaum eine andere Band, die ich zwischen 2007 und 2016 so oft live gesehen habe, von der ich jedes Lied von "Fasching In Bonn" bis "Gib Acht" frenetisch mitgrölen konnte und dafür bin ich bis heute dankbar. Mit allen Alben nach diesem Album und einer etwas unliebsamen Begegnung mit den Bandmitgliedern selbst haben sie mich leider völlig verloren. Das ändert nichts daran, dass sie ein paar wirklich großartige Songs geschrieben haben und immer herrlich unangepasst zwischen sämtlichen Stühlen zwischen Punk, Metal und irgendwie etwas peinlichem Rockertum saßen. "Sonne Und Meer" ist dabei bereits zu DDR-Zeiten entstanden und lässt einigen Interpretationsspielraum zu, ja könnte tatsächlich sogar von einer misslungenen Fluchtgeschichte handeln. Toller Song von einer einstmals tollen Band, die mittlerweile leider ziemlich belanglos geworden ist."

Ich:

Dritte Wahl sind jahrelang an mir vorbeigegangen. Ich weiß nicht ob es an dem Namen lag oder oder oder. Jedenfalls waren sie in meinem Kopf nie präsent. Vielleicht lag es auch daran, dass sie auf mich relativ unspektakulär wirkten. Wenn ich mir den Text so anhöre, kann ich Philipp nur zustimmen. Meiner Meinung nach geht es hier auch um eine Fluchtgeschichte. Vielleicht geht es dabei um jemanden aus dem Bekanntenkreis der Band. Ich mag die Zusammenstellung des durchaus einfachen aber intensiven Textes, etwas Gitarrensoli und einfachen Arrangement. Ebenfalls gefällt mir das Intro mit dem ausklingenden Schlagzeug, dem Meer und den Möwen. Es ist catchy und irgendwo wohl typisch Deutschpunk. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie theoretisch mein 17-jähriges ich auf der Mainwiese sitzt und Sangria trinkt und irgendwoher läuft dieses Lied aus einem Tapedeck.

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Ulver Discography: Silence Teaches You How To Sing EP (2001)

Das nenne ichmal ein gelungenes Experiment. Erschienen zwischen "Perdition City" und dem Sountrack zu "Lyckantropen". Direkt danach werde ich mich übrigens mit einer ähnlich betitelten EP beschäftigen, die "Silencing The Singing" heißt. Aber das nur so nebenbei. 

Die EP besteht aus einem einzigen Song, der genauso heißt. Teile davon wurden für den Score des Horrorfilms "Sinister" verwendet, als auch dessen Sequel. Ich fand beide unsäglich schlimm. Aber das


auch nur so nebenbei. Das Werk ist wieder mal ein Beweis dafür, dass Ulver quasi alles können. Es ist nämlich nicht "Post Metal" oder "Synthpop" und nicht bloß "Ambient" sondern ein wirklich experimentelles Werk dass irgendwo in der Dark Ambient Sphäre anzusiedeln ist. Im Grunde genommen hört sich "Silence Teaches You How To Sing" an wie ein defekter Radiosender bei welchem man ganz lange nach einem Signal suchen muss. Man kriegt also typische Radiogeräusche zu hören. Statisches Rauschen, Surren, Wirren. Und dann irgendwann mal tatsächlich ein Musiksignal. Fast so als würde man durch eine post-apokalyptische Landschaft in seinem uralten Auto fahren und versuchen irgendwie ein Lebenssignal von überlebenden Menschen zu finden. Irgendwann kommt dann auch tatsächlich typischer Gesang von Kristofer Rygg. Ehrlich gesagt ist es ganz schön schwierig für Ulver, mich irgendwie zu enttäuschen. Auch hier schaffen sie es so überhaupt gar nicht. Es ist wunderschön, kryptisch und faszinierend.

8,5/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: lol es gibt nur einen Song



Sonntag, 26. Juli 2026

So isses, Musik!#216

DEUTSCHPUNK-FEGEFEUER:

Wir verlassen heute "C" und gehen weiter zu "D". Es bleibt spannend...


Raphi:
"Die Creeks waren eigentlich eher eine deutschsprachige Pop Punk Band, aber ich höre sie bis heute noch sehr gerne, und finde, dass sie hier reingehören. Mal nachdenklich, mal humorvoll, und immer melodisch und mit intelligenten Texten haben sie sich eine Sonderstellung im Genre geschaffen. Bis auf das selbstbetitele Album aus dem Jahr 2006 ist mir keine weitere Veröffentlichung bekannt. Hier sind viele starke Songs vertreten wie „Crash Test Dummies“, „Knast d’Amoure“, „Er sucht sie“, oder eben das verträumte Lied „Utopia“."

Philipp:

"Es erfüllt mich natürlich mit Freude, dass Wessi Raphael hier eine ostdeutsche Punkband ins Spiel bringt, die ich noch nicht kannte und die noch dazu ziemlich geil ist. Großartiger 77er Stil ähnlich den The Shocks aus Berlin und noch dazu personelle Verbandelungen mit der Shocks Nachfolgeband Zack Zack und den ebenfalls aus Dresden stammenden No Waves. Utopia ist hierbei ein wirklich toller und melancholischer Song. Wird bei mir wohl öfter mal den Weg in den Gehörgang finden." 


Ich:
Beim ersten Hören erinnert mich das auf eine sehr seltsame Art an eine bis dato nicht existierende Mischung aus The Shocks (wegen der rock'n'rolligen Gitarren) und ...But Alive. Weil der Sänger sich zu Beginn wie Marcus Wiebusch anhört. Ich musste bei der Crash Test Dummy Optik (wortwörtlich) auf dem Albumcover an Liquidos "Ordinary Life" denken. Zum Glück hören sie sich anders an. Die besagte Marcus Wiebusch Stimme verändert sich allerdings nach einer kurzen Zeit. Ich nenne es "clean singing Deutschpunk". Klingt nach "sehr gut gelaunt mit kryptisch klingenden Texten wo sich alles auf "-sion" reimt". Eigentlich nichts was ich mir sonst so anhören würde, but I like it.


Ich:
Zugegeben, ich kannte dieses Lied zuerst als Version von den Ärzten - veröffentlicht auf ihren einzigen Deutschpunk-Album "5,6,7,8, Bullenstaat!". Das Original ist allerdings so viel besser. Aus heutiger Sicht ist dieses Lied vielleicht provokativ, wenn man ein engstirniger konservativer Boomer ist. Damals muss es lyrisch definitiv auf die Fresse gehauen - auch wenn der Song an sich unfassbar locker und witzig ist. Ich find's großartig wie hier, ganz ungeniert Homosexualität gefeiert wird und alles in super einfache Lyrics gepackt wird. "Ich habe Samen im Darm, mir ist so warm im Darm mit seinem Samen im Darm". Die etwas hohe Stimme erinnert mich tatsächlich an den Sänger von den Sad Neutrino Bitches - auch wenn seine noch höher klingt. Ich habe mich, ehrlich gesagt, noch nie mit The Cretins beschäftigt. Ich kannte immer nur dieses eine Lied und mehr nicht. Lag vielleicht daran, dass mein .mp3-Player nicht immer so viel Platz hatte oder weil ich nicht mehr als diesen einen Song gebraucht habe. Es ist fantastisch, geht super ins Ohr und verlässt dieses auch lange nicht. Sehr lange.

Philipp:
"Einer der großen deutschen (Post-) Punk-Klassiker der Cretins aus Hannover - unter anderem mit dem auch von Blut+Eisen (Warum haben wir die eigentlich auf der Liste vergessen?) bekannten Überdrummer Tier Wolff - wirkt heute etwas aus der Zeit gefallen. Mit einem Song über Homosexualität lockt man glücklicherweise niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Als der Song 1980 rauskam, war dass tatsächlich provokativ und revolutionär, schließlich stand Homosexualität bis 1994 noch im Strafgesetzbuch. Alles in allem ist es wirklich ein toller Song, diese großartige Stimme und diese Leichtigkeit mit der hier über das Thema gesungen wird, suchen ihresgleichen. Ganz großartig." 

Raphi:

"Während seiner kurzen Schaffensphase hat das Kieler Trio drei Alben und zwei EPs veröffentlicht. Außerdem habe ich die falsche Band recherchiert; es geht nämlich gar nicht um The Creetins sondern um die Hannoveraner Legende Cretins. Der Klassiker "Samen im Darm" entstammt der frühen Phase, als die Cretins noch auf deutsch sangen und rau klangen. Der Sound erinnert mich teilweise an The Ruts oder an A+P. Beeindruckend finde ich, dass das Stück trotz sich wiederholender Motive nicht langweilig wird. Achja, und auch diesen Klassiker habe ich zuerst in der Version der Ärzte (5,6,7,8 Bullenstaat) gehört."


Raphi:

"DDP haben mit ihren melodischen und schnellen Tracks immer eine Sonderstellung im Deutschpunk für mich gehabt. Ein bisschen dilettantisch, aber dennoch treffsicher hat sich die Band vor allem mit ihren Texten in meinem Gedächtnis eingebrannt. Als perfektes Beispiel hierfür dient die düstere Hymne „Wenn der Sturm beginnt“ vom Album „Es geschah am hellixten Tag“."


Philipps:
"Der dicke Polizist (später DDP) waren in meiner Wahrnehmung immer eine der wenigen wirklich interessanten Bands der Nix Gut Records-Ära. Hier ein etwas melancholischerer Song ihres ersten Albums, sicherlich nicht unbedingt einer ihrer besten und gerade bei Zeilen wie "Ich bin ein Punkaaaaar, menschlich besser als ihr" bekomme ich schon starke Cringe-Anfälle. Stellvertretend für die wirklich guten darauf folgenden Alben der Band werde ich an dieser Stelle kein einziges weiteres schlechtes Wort verlieren. Übrigens ist die Band gerade frisch wiedervereinigt und es lohnt sich durchaus, ihnen mal einen Besuch abzustatten."

Ich:
Es war einer von diesen Nix-Gut Samplern namens "Es lebe der Punk", die noch irgendwo in meinem Keller liegen. Dadrauf waren Der Dicke Polizist mit "Und die Hoffnung stirbt zuletzt" und noch irgendeinem Song. Sie stachen tatsächlich sehr heraus mit einem durchaus tiefsinnigem Text während die anderen Bands über Bullenschweine und Nazischweine schwadroniert haben. Sehr im Kontrast nicht nur zu den anderen sondern auch zu ihrem lustigen Namen, der eher nach Fun-Punk klingt. Kein Wunder dass sie sich irgendwann für eine kurze Zeit in ddp umbenannt haben. Jedenfalls ist das hier wieder mal ein ziemlich ernster Song über eigene Wünsche und Sehnsüchte nach Freiheit - wieder mal als Kontrast zu diesem "witzigen" Albumcover. Ich finde ihren Ansatz nach wie vor sehr gut, allerdings zündet es bei mir leider überhaupt nicht. Mich stört der Gesang leider viel zu sehr. 



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Ulver Discography: Metamorphosis EP (1999)

Allrighty. Wir springen (mal wieder) zurück in die Zeit. Als Ulver grade dabei waren sich von einer Black Metal zu einer experimentellen wasauchimmer-Band zu verwandeln. Dafür spricht auch der Titel dieser (ersten) EP. Ursprünglich habe ich mir gedacht, dass ich hier nur ganze Alben von Bands reviewen werde. Aber wenn es schon "Discography" heißt, dann alles - vor allem wenn es um Ulver geht. Wenn ich mit den EPs fertig bin, vllt. nehme ich mir dann auch die Singles und all den Klein-Kleinkram vor. Jedenfalls:

"Metamorphosis" ist, wie die Generation Z sagen würde (oh gott, Kringel) tatsächlich on fire, ngl. Huehuehue. Es ist ein fantastisches Werk, dass sogar für Ulver Maßstäbe ganz anders anfängt. Es ist

definitiv was ganz anderes als Black Metal und auf jeden Fall auch etwas anderes als ihre ambientigen oder späteren synthpoppigen Werke. Der erste Song hierauf, "Of Wolves & Vibrancy" ist genau das, was ich Techno nennen würde. Richtig utz utz utz. Könnte auf dem Soundtrack zum ersten Teil von Matrix sein. In irgendeiner Club-Szene wo nicht grade "Dragula" läuft. "Gnosis" wird dann wieder typisch Electro-Ulver: trip(hop)pig, ambient-ig und irgendwann voll mit mysteriösen, tragisch anmutenden Gesang. "Limbo Central" hat sogar klitzekleine Drum&Bass-Verschnitte, gewürzt mit verzerrten Gitarren. Der Abschlußtrack "Of Wolves & Withdrawal" ist dann aber das krasse Gegenteil. Man hört kaum was, bis auf etwas Hintergrundnoise. Wie in einem unterirdischen Labyrinth, wo sich irgendwelche Gefahren lauern.

Es ist wahrlich experimentell und eine wahre "Metamorphosis". Ein Wandel von Ulvers ursprünglichen Sound zu etwas vollkommen neuen. Diese EP ist quasi das fehlende Glied zwischen "Themes From William Blake's The Marriage of Heaven and Hell" und "Perdition City". Es ist spannend, anders und leicht verstörend zugleich. Fantastisch.

8/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: "Of Wolves & Vibrancy", "Gnosis", "Limbo Central"


Sonntag, 12. Juli 2026

So isses, Musik!#215

DEUTSCHPUNK-FEGEFEUER:

Nun sind wir also bei C angekommen. Da es keine Regel gibt, die besagt dass eine Band nicht doppelt vorkommen darf kommen diesmal Chaos Z zwei mal vor. Wahnsinn, aber normal.

Chaos Z – Gewalt

Raphi:

"Wenn es um Depro- und Düsterpunk geht, sind Chaos Z, beziehungsweise ihre Nachfolgeband Fliehende Stürme eine der wichtigsten Gruppen. Deutlich näher am Hardcore als nach ihrer Umbenennung haben Chaos Z vor allem Lieder produziert, die auch als Post Metal-Variante super klingen würden. Und der absolute Sturm aus depressivem Hardcore Punk ist der Song „Gewalt“. In meinen späten 20ern habe ich eine meiner bisher tiefsten depressiven Episoden durchlebt, und dieser Song hat mich fast täglich dabei begleitet, gegen die Dunkelheit von innen anzukämpfen. Danke!"


Ich:
Ich kann im Grunde das wiederholen was Raphi gesagt hat. Nur dass ich nicht von den späten 20ern sondern eher von mittleren 30ern reden würde. Es ist einerseits befreiend diese Worte zu hören: "Fäuste gegen Wände, die Mauern sind zu hoch, Alltag bis zum Ende, ein Leben das erfriert", andererseits aber fürchterlich bedrückend. Eben weil ich den Gedankengang in dem Text verstehe - bis auf die Sache mit dem Amoklauf. Der Text klatscht einen ordentlich ins Gesicht, sodass man beinahe auf den Boden fällt.

Chaos Z – Krass

Ich:

Ich habe diesen Song in meiner Jugend gefühlt an die 50 Mal gehört. Tatsächlich im Glauben, er würde "Reste" heißen weil es irgendeinen Fehler bei der digitalen Version des Albums "45 Jahre ohne Bewährung" gab. Der Song war, glaube ich, der letzte auf dem Album und gleichzeitig sowas ähnliches wie ein Neuanfang für Chaos Z. Zumindest klingen sie hierauf wesentlich weniger als ihre ursprüngliche Version und mehr als die Band die sie später wurden: Fliehende Stürme. Es ist ein sowohl politischer als auch persönlicher Song. Meines Erachtens handelt er von der persönlichen Enttäuschung durch die deutsche Gesellschaft nach der Wiedervereinigung (deswegen "frisch vermählt"). Eine Gesellschaft, die einerseits Wohlstand und Prestige predigt aber gleichzeitig auf ihre Jugend scheißt, kann man wohl nur verachten. Ich habe auch diesbezüglich nachrecherchiert und festgestellt, dass das dazugehörige Album erschienen ist, als die Band schon Fliehende Stürme hieß. Nur "ausnahmsweise" unter altem Namen - nachdem zweites prägendes Bandmitglied, der Bruder von Sänger Andreas Löhr, Thomas Löhr gestorben ist. 

Philipp zu "Gewalt" und "Krass":


Es gibt wenige deutsche Punkbands, die so immens wichtig sind, dass eine Liste von Deutschpunk-Songs zwei Songs von ihnen verdient. Chaos-Z ist eine solche Band. Von Andreas Löhr, seinem großen Bruder Thomas und Schlagzeug er Michael Ortner 1980 gegründet, als Andreas gerade mal 13 war, veröffentlichten sie relativ schnell erste EPs und Alben mit rauem, düsteren und kompromisslosem Deutschpunk, fast ein bisschen wie deutsche discharge. Bereits Mitte der 80er Jahre wurde die Musik unter dem Einfluss von Bands wie Joy Division zunehmend schleppender, melodischer und schließlich benannte man sich in "Fliehende Stürme" um. Diese beiden Songs stammen aber tatsächlich aus der späteren "Reunion"-Phase, Thomas Löhr verstarb an HIV und Andreas Löhr schrieb ein komplettes Album wütender und resignierter Punksongs, die irgendwie besser zu Chaos-Z als zu Fliehende Stürme passten, Glück für uns, die "45 Jahre ohne Bewährung" gehört mit "Schweineherbst" von Slime zu den besten deutschen Punk-Alben der 90er. Zwar durchaus melodischer als das Frühwerk aber diese wahnsinnige Wut und Stimmung, die in Musik und Texten transportiert wird, ist einfach unvergleichlich. Krass ist hierbei (und das muss ich als einziger Ossi in der Runde nochmal erwähnen) eine Abrechnung mit dem nationalen Freudentaumel nach der Wiedervereinigung, der Kirche, der Bundeswehr und dem gesamten Konstrukt Deutschland, wahnsinnig toller und wichtiger Song. Ich würde Chaos-Z jetzt nicht unbedingt als proto-antideutsch bezeichnen, verdient hätten sie es mit diesem Song aber irgendwie.
"Gewalt" ist eine brutale und heftige Schilderung eines sinnlosen deutschen Lebens, das letztendlich in einem Amoklauf gipfelt, wer Zuspruch und Ermutigung braucht, sollte sich definitiv eine andere Band suchen, hier wird gekotzt. Was für ein Jahrhundertwerk.

Raphi:

"Es ist wohl das Chaos Z Lied, das am meisten nach Fliehende Stürme klingt. Vielleicht kann "Ein Tropfen im Feuer" noch mithalten.
Wenn ich den Text richtig verstanden habe, geht es um die letzte Phase des 20. Jahrhunderts: Hasselhoff, Wehrdienst, Baseballschläger, kunterbunte Symbolpolitik, graue Welt, und mentale Gesundheit in einer kranken Realität. Vor allem interpretiere ich die erste Strophe als antifaschistische (und antideutsche) Ablehnung der Einverleibung der DDR durch die BRD. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist folgendes: der Refrain ist ein äußerst starker Quell für innere Kraft, das Lied ist ein zeitloser Klassiker, und Chaos Z sind völlig zurecht zweimal in dieser Serie vertreten."


Chefdenker – Schwierige Zeiten

Raphi:

"Ich tu mich immer noch schwer damit, die Claus Lüer-Bands auseinanderzuhalten; vor allem bei Chefdenker und Casanovas Schwule Seite bringe ich vieles durcheinander. Aber ich feiere die Band dafür, dass sie den stumpfen Stil der ersten Deutschpunkwelle mit den melodischen Aspekten der Zweiten verbunden haben. Außerdem verbinde ich die Band mit einer etwas unbeschwerteren Zeit, als ich mit Freunden aus dem Landkreis Würzburg lange Zugfahrten und Nächte an Bahnhöfen unternommen habe. Als Erinnerung, dass es bessere Ideen gibt, als in einer frisch renovierten Wohnung eine Punk Rock Party zu veranstalten, bleibt das Lied „Schwierige Zeiten“ vom Debutalbum „16 Ventile in Gold“ unvergessen."

Philipp:

"Claus Lüer hat meine Jugend geprägt wie kaum ein zweiter, textlich, musikalisch, gesanglich, teilweise hab ich mir bei dem, was ich an Musik gemacht habe, echt mehr bei Claus geliehen, als mir selbst bewusst ist. Chefdenker war dabei aber nie meine Lieblingsband, irgendwie war mir das immer zu rockig und zu komplex, die Stimme und die Texte macht das aber nicht weniger großartig. Hier werden in erster Linie Alltagsphänomene beschrieben, das aber immer in so griffig-asozialer Lyrik, dass man gelegentlich abwechselnd nicken und mit dem Kopf schütteln möchte, alles in allem ist das aber wirklich toll. Kleiner fun fact: Ich bin Claus Lüer bisher ein mal persönlich begegnet und habe dem armen Kerl in einem kompletten Euphorie-Anfall so viele Fragen gestellt, dass ich insgeheim hoffe, dass er sich nicht mehr an mich erinnern kann, das nur als kleine Demonstration, wie wichtig mir sein Gesamtwerk ist. Shoutout an Gregor, den einzigen Menschen, der Claus' Stimme nicht mag. It's okay to be wrong."

Ich:
Ja, Raphi...ich kann mich an diese Zeit ebenfalls erinnern. Lange Nächte am Nürnberger Hauptbahnhof. Oder in Aschaffenburg, Erlangen oder ganz woanders in einem anderen Bundesland. Kann mich erinnern, dass es einige von uns gab die die Bands von Claus Lüer maßlos gefeiert haben - egal ob Knochenfabrik, Chefdenker oder Casanovas Schwule Seite. Ich konnte sie ebenfalls nicht außeinander halten und kann es bis heute nicht wirklich. Außer "Ameisenstaat" fällt mir auch kein Album ein. Es ist eine witzige Idee ein Lied darüber zu komponieren, dass es vllt. nicht so gut ist in einer neuen Wohnung eine wilde Punkerfete zu veranstalten - und das ganze auch noch "Schwierige Zeiten" zu nennen, als würde es in dem Song um irgendwas gesellschaftlich relevantes gehen. Trotzdem kann ich ehrlich gesagt nichts damit anfangen. Ich mag diese schrille, versoffene Stimme nicht.

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Mayhem Discography: Liturgy of Death (2026)

Es ist wieder so weit. Ich schließe Lücken in Discographies hier auf diesem Blog. Anfang des Jahres ist tatsächlich ein neues Album von Mayhem rausgekommen. Der Nachfolger zum 2019er Werk "Daemon" bzw. zu dessen Nachfolge-EP "Atavistic Black Disorder/Kommando".


Zugegeben, das Album hatte bei mir erst einen schwierigen Lauf. Bei vielen Alben bin ich der Meinung, dass sie eher auf einer größeren Anlage oder auf einem Laptop funktionieren. Hier ist es tatsächlich das Gegenteil der Fall: Kopfhörer sind hier die bessere Option. "Liturgy of Death" schließt einerseits da an, wo "Daemon" aufgehört hat, gleichzeitig bezieht man sich allerdings an das Urwerk der Band "De Mysteriis Dom Sathanas" als auch teilweise an eines ihrer polarisierenderen Werke, "Grand Declaration of War". So hört sich Sänger Attila Csihar teilweise wie sein Nachfolger bzw. Vorgänger Maniac an. Kritiker würden behaupten, das Ganze wäre ein absolutes Chaos und hätte keinen roten Faden. Doch ein roter Faden kann leider auch Einheitsbrei bedeuten. Mir ist Chaos lieber als absoluter Einheitsbrei, deswegen mag ich dieses Album. Ich mag die typische Mayhem-Elemente hierauf: Hellhammers Drumsound, der immer wieder an dieses Zwischenspiel aus "Freezing Moon" erinnert als auch den Wechsel zwischen Csihars Gesangsstilen. Und zwar mal finster-kreischend und mal theatralisch-dikatorisch (meine Eigenbezeichnung lol). Meiner Meinung nach klingt das Album nach all dem was, Mayhem in ihrer Karriere (dazu) gelernt haben. Bewusst überzogene Theatralik, Finsternis, Krach, schleppender Stil und Chaos. Rundum durchaus sehr gelungenes Album.

Anspieltipps: Aeon's End, Weep For Nothing, Ephemeral Eternity (mit Kristofer Rygg von Ulver)
8/10 Pfandflaschen