Posts mit dem Label Album der Woche werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Album der Woche werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 19. Oktober 2026

Album der Woche#703: Cocteau Twins - Head over Heels (1983)

Hallo und herzlich willkommen zu einem weiteren "Album der Woche" im Halloween-Monat "SHOCKTOBER". Ursprünglich habe ich mir eine andere Band für das dritte Review vorgenommen, nur um dann festzustellen, dass sie nichts mit Goth, Horror oder Post-Punk usw. zu tun hatten. Auch die vierte Band, die eigentlich hätte vorkommen sollen, habe ich ausgeschlossen um eine zu reviewen, die hier noch nie vorkam. Wie auch immer. Ich stelle mir das immer so vor, dass die im "SHOCKTOBER" reviewten Bands irgendwie als Soundtrack zu einem fiktiven Horror/Sci-Fi/Mystery-Film funktionieren. 


So hatten wir hier The Cramps und Cradle Of Filth die wirklich wunderbar dazu passen. So passten erstere zu irgendeinen Roadtrip-Film mit Vampiren, während Cradle Of Filth zu einem Slasher-Film passen würden. Cocteau Twins passen am Besten zu einem Film Marke "Begierde" (The Hunger) mit Catherine Deneuve und David Bowie. Irgendwas über Vampire.

"Head over Heels" ist das zweite Album des Duos, bestehend aus Elizabeth Fraser (Gesang) und Robin Guthrie (alles andere). Gleichzeitig auch eines der Alben, die geholfen habe das Subgenre "Ethereal Wave" zu gestalten. Womit wir es hier zu tun haben ist ein unglaublicher, großartiger, träumerischer Sound der wirklich schwierig zu beschreiben ist. Die Kombination aus Drum Machine, dröhnenden Gitarren, Keyboards und sogar Saxophon (in "Five Ten Fiftyfold") ist wirklich fantastisch und fühlt sich an als würde ich mit Wattebeinen auf einem Feld aus Watte laufen während über einen sich ein Himmel aus Watte auftut. Die Songtitel klingen auch so. "Sugar Hiccup", "In Our Angelhood", "In The Gold Dust Rush". Frasers Gesang klingt beim ersten Hören gar nicht nach richtigen Worten, sondern nach Lautmalerei. Und das obwohl ganz klar Texte zu hören sind. Es ist träumerisch, verträumt, dreamy und jegliches andere Adjektiv für dieses zufällig erfundene Subgenre. Dream Pop. Im Grunde genommen ein Schritt in eine etwas andere Richtung als "Goth" sein sollte. Nicht finster, aber verträumt (da ist das Wort schon wieder) und irgendwie geheimnisvoll. Passt das als Soundtrack zu einem üblen Horrorfilm? Naja, nicht ganz. Aber zu irgendwas mysteriösen, geheimnisvollen auf jeden Fall. Wie schon oben gesagt. Oder vielleicht zu einem nicht existenten Film von David Lynch. Einfach fantastisch.

Anspieltipps: Sugar Hiccup, Glass Candle Grenades, The Tinderbox (Of A Heart)
9/10 Pfandflaschen


Montag, 12. Oktober 2026

Album der Woche#702: Cradle Of Filth - The Principle Of Evil Made Flesh (1994)

Hallo und herzlich willkommen zu einem weiteren traditionsreichen "Album der Woche" bei "..,klar"! Tatsächlich gehen mir langsam die Ideen aus und ich weiß nicht, welches CoF-Album ich nächstes Jahr reviewen soll. Oder viel eher gehen mir nicht die Ideen aus, sondern die guten Alben der Band. Naja, jedenfalls habe ich den ganzen Blog abgesucht und habe festgestellt, dass...ich das erste Album bis jetzt hier gar nicht thematisiert habe. So ein Ding aber auch.


"The Principle Of Evil Made Flesh" ist das Debütalbum von Cradle Of Filth und tatsächlich sogar noch das Album welches von der damaligen Black Metal Szene noch irgendwie akzeptiert wurde. Im Gegensatz zu späteren Auswürfen von Dani Filth und seinem Besetzungskarussell an Band, das immer wieder als "untrve" verrissen wurde. Was wir auf "Principle" (wie ich das Album von nun an nennen werde) zu hören kriegen ist tatsächlich lupenreiner Black Metal, beeinflusst von der zweiten Welle an skandinavischen Bands als auch teilweise der ersten Welle. Im Grunde genommen also das BM-Paket was man als Jugendlicher so hört: Bathory, Venom, Celtic Frost, Emperor, Mayhem. Man versucht allerdings aus dem satanischen Image des Genres auszubrechen indem man das Thema "Satanismus" rein textlich eher so im Vorbeigehen nebenbei erwähnt. Textlich war das durchaus etwas neues. So klingen sowohl die Songtitel als auch die Texte wesentlich "romantischer" oder "gothischer" und werden trotzdem hingeschrien, hingekrächzt und hingegrunzt. CoF greifen auch auf Zitate von Hegel und englischen Poeten Swinburne. Thematisch bezieht man sich auf verschiedene Mythologien, zum Beispiel die ägyptische. Weiterhin geht es um den ziemlich christlichen Aspekt des "weiblichen Bösen". Wenn Gott ein Mann ist, so muss der Teufel eine Frau sein. Ein ziemliches durcheinander an Mythologien also. Lilith, Bastet, Ishtar, Eva... Die Songtitel bleiben kryptisch und äh "romantisch". "The Forest Whispers My Name", "Of Mist And Midnight Skies", "One Final Graven Kiss". Dazu noch kommt noch Keyboard-Tüdülü und eine entweder mit Schwefelhexafluorid oder technischen Hilfsmittel verstellte Stimme. 

Ganz ganz wildes und durchaus punkrockiges, DIY-mäßiges Album. Selbst das Albumcover ist ein Stockfoto aus dem Repertoir des Photographen Nigel Wingrove. Im Gegensatz zu einigen späteren Alben der Band ist "Principle" noch gar nicht "zusammengeklatscht" oder "zusammengeschmissen". Es ist alles andere als lieblos sondern durchaus ein Werk, bei welchem man merkt dass hier irgendein Grundkonzept besteht. Grandios. Und das Keyboard-Tüdülü. Das feier ich sehr. 

8,5/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: A Dream Of Wolves In The Snow, Of Mist And Midnight Skies, The Forest Whispers My Name


Montag, 5. Oktober 2026

Album der Woche#701: The Cramps - Look Mom, No Head! (1991)

Hallo und herzlich willkommen zum ersten "Album der Woche" während des Halloween-Monats "SHOCKTOBER"! Ich führe die Tradition fort und reviewe jährlich ein The Cramps-Album. Nun sind wir bei "Look Mom, No Head!" angekommen, dem insgesamt fünften Studioalbum der Band. Aufgenommen in der Besetzung: Lux Interior (Gesang), Poison Ivy Rorschach (Gitarre), Slim Chance (Bass) und Jim Sclavunos (Schlagzeug). Letzterer ist seit 1994 konstantes Mitglied bei Nick Cave & The Bad Seeds und war auch bei Grinderman zu hören. Zufälligerweise erinnert mich dieses Cramps'sche Album an Grinderman. Nicht weil das Cave'sche Projekt durchaus an Cramps erinnert und vice versa, sondern weil die Themen/Texteauswahl durchaus ähnlich ist. Also, nicht zu 100%.


Wie man mittlerweile wissen sollte haben sich The Cramps mittlerweile komplett von Horror/B-Movie-Thematik entfernt und machen inzwischen irgendwas völlig obskures, sexgeladenes mit völlig merkwürdigen Lyrics. Musikalisch bleiben wir bei dieser Mischung aus Garage Rock, Punkrock und...nunja Rock'N'Roll. Die Texte sind, wie gesagt, unfassbar obskur und merkwürdig. So geht es in "I Wanna Get In Your Pants" darum...jemanden sexuell attraktiv zu finden. Und ich komme nicht drauf, worauf dieses Lied eine Hommage sein soll. Die Melodie erinnert mich an irgendwas a lá "Sugar" oder irgendeinen anderen spät-50er-Jahre Song. Der dominante Opener "Dames, Booze, Chains and Boots" ist im Prinzip der perfekte Aufmacher, der direkt offenbart worum es hier gehen wird. "Miniskirt Blues" featuret Iggy Pop. Seine Stimme als auch die von Lux Interior ergänzen sich dabei wirklich großartig. Iggy passt tatsächlich zur Band und wäre sicherlich auch weitestgehend eine absolute Ergänzung gewesen. Einer der besten Songs hierauf ist das Cover von "The Strangeness in me" (im Original von The Runabouts). Es ist ein großartiger Tribut an ein merkwürdiges, depressives Gefühl der Leere. Zumindest interpretiere ich das.

Irgendwie seltsam. The Cramps machen keine Songs mehr über B-Movies, hören sich aber mehr an wie der Soundtrack zu einem Gritty B-Horror-Movie in welchen irgendwelche Halunken in ihrem abgefuckten Auto quer durch die USA reisen, Menschen ausrauben, bis sie auf Vampire treffen oder so. Ich weiß nicht (mehr) ob es eine filmische Umsetzung von "American Vampire" gab, aber wenn es die noch nicht gibt, wäre das ein guter Soundtrack.

8/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Dames, Booze Chains and Boots, I Wanna Get In Your Pants, Miniskirt Blues, The Strangeness In Me


Dienstag, 29. September 2026

Album der Woche#700: SUNN O))) DOUBLE FEATURE!

Hallo und herzlich willkommen zum mittlerweile SIEBENHUNDERTSTEN "Album der Woche" auf "..,klar". Es ist tatsächlich 700 Alben her, dass ich damals diese eine Platte von Jesus Cröst reviewt habe. Das ist mehr als zehn Jahre her. Ich meine, mich zu erinnern, dass ich zum 500sten Jubiläum der Rubrik "Monoliths & Dimensions" von Sunn O))) reviewt habe. Zur 600ten war es ein Album von Crypta. Nun, das ist also jetzt Tradition. Alle 100 Alben kommt ein Sunn O))) Album. Deal? Deal. Diesmal allerdings haben wir es mit einem Double Feature zu tun.

ØØ Void (2000)

Hierbei handelt es sich um das erste "volle" Album von Sunn O))) aber insgesamt um die zweite Veröffentlichung. Ausgesprochen würde es "ÖÖ Void" heißen, weil der dieses durchgestrichene O nun mal so ausgesprochen wird. Was wir hier zu hören kriegen sind insgesamt vier Titel: "Richard", "NN O)))", "Rabbit's Revenge" (ein Cover von Melvins'schen "Hung Bunny") und "Ra at Dusk". 


So und jetzt kommen wir zum spannenden Teil des Reviews. Wie soll ich vier Titel umschreiben, die jeweils mindestens vierzehn Minuten lang sind und mehr oder weniger irgendwie einander ähneln? Für diejenigen, die nicht im Thema sind: Sunn O))) haben sich einst nach dem Verstärkerhersteller Sunn benannt und ahmen dessen Logo in ihrem eigenem Logo nach. Von dem "O" gehen also Soundwellen aus und ungefähr so könnte man ihren Sound umschreiben. Anders als in einem der Nachfolger (Mein Lieblingsalbum der Band "Monoliths & Dimensions"), der wesentlich experimenteller ist als dieses Debütalbum machen Sunn O))) hier genau das wofür sie berühmt wurden. Sie schmeißen ein riesiges, unsichtbares Flugzeug in einen riesigen Verstärker. Dieser Verstärker fängt dann an, wie bescheuert zu brummen, als hätte er eine heftige Funktionsstörung - und die hat er natürlich auch. Alle vier Songs, mit Ausnahme des Melvins-Covers, dass im Hintergrund sowas wie Gesang und "normale" Instrumentals aufweist bestehen aus heftigsten Dröhnen. Es ist ein fantastisches Meditationsgeräusch. Perfekt geeignet für eure Spazierrunde, für euren Einkaufsausflug oder wenn ihr Spülen wollt, die Wohnung saugen und wischen wollt. Ehrlich jetzt. Keine pseudophilosophischen Texte über das Leben. Einfach nur Drone Metal. 

Jetzt fragt ihr euch sicher, wieso zum Fick reviewt er das? A) weil ich das kann und B) weil das ein Double Feature ist und zum zweiten Album gehört dieses Album dazu. Ganz einfach.

10/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Alles



Sunn O))) meets Nurse With Wound - The Iron Soul Of Nothing (2011)

Nun haben wir wieder mal eine Premiere hier. Im Grunde genommen reviewe ich jetzt in einem Double Feature zwei mal das gleiche Album. Naja, nicht ganz. Aber so rein theoretisch gesehen schon. Praktisch gesehen natürlich nicht.

"The Iron Soul Of Nothing" wurde 2011, also 11 Jahre nach dem Debütalbum von Sunn O))) veröffentlicht - als Standalone-Edition. Zuvor, im Jahre 2008 gab es die gleiche Veröffentlichung schon als Bonus-Disc zu der CD-Ausgabe von "ØØ Void". Dabei handelt es sich im Grunde genommen um ein Remix-Album, des besagten Debüts. Die Überarbeitung der Sunn O)))schen Werke hat sich ein gewisser Künstler namens Steven Stapleton vorgenommen. Besser bekannt unter dem Namen Nurse With Wound ist der Engländer eine Koryphäe in Sachen Industrial, Noise und Dark Ambient. Wir haben hier also die vier, weiter oben genannten, Stücke von "ØØ Void", die einen neuen, ambientigen,

psychedelischen Klang verpasst bekommen. Dabei ist so gut wie gar nichts mehr bzw. generell gar nichts mehr von ursprünglichen Drone-Sound zu hören. Stattdessen erleben wir eine geheimnisvolle Soundkulisse, die sich wie ein riesiges metallenes Rohr anhört. Aus vier Tracks werden drei, die dann heißen "Dysnystaxis" (...A Chance Meeting With Somnus), "Ash on the Tress" (The Sudden Ebb of a Diatribe) und "Ra at Dawn" (Rapture, At Last, Numbered By Her Light). Beim letzten Titel sehen wir eine eindeutige Anspielung auf den ursprünglichen Track "Ra At Dusk". Auch die Länge der Titel hat sich verändert. Mindestens 3-4 mal länger. Während "Ra At Dawn" je nach Veröffentlichung ein Ein- oder Zweiteiler ist. Irgendeiner bei YouTube nannte das "Psychedelic Doom Drone". Und damit trifft die Person den Nagel auf dem Kopf. Ich würde noch den Zusatz "Psychedelische, doomtastische, Kirchenmusik" hinzufügen. Alleine schon wegen des heftigen Halls, der einen anmuten lässt, das Ganze würde sich in einer riesigen Kirche abspielen. Einige Sounds erinnern mich tatsächlich auch an verzerrte Kirchenorgeln. Große Sache, diese.

10/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Alles


Montag, 21. September 2026

Album der Woche#699: Axegrinder - Rise of the Serpent Men (1988)

Immer wieder stelle ich mir bei einem Review die Frage "Warum war diese Band niemals hier?" und ich kann sie nie wirklich beantworten. Aber wenn ich darüber nachdenke, dann irgendwie schon. Wahrscheinlich bin ich damals, als der Blog noch ziemlich neu war, der Band irgendwann irgendwie entwachsen. Wahrscheinlich hörte ich sie niemals wirklich aktiv. Höchstwahrscheinlich war es auch so, dass ich irgendwann in andere Genres gestürzt bin. Und eigentlich beantwortet es die Frage. Jedenfalls, Axegrinder ist ein großartiger Name und "Rise of the Serpent Men" ist ein großartiges Album, was schon längst hätte hier auf dieser Plattform reviewt werden sollen. 


Worum geht's eigentlich? "Rise of the Serpent Men" von 1988 war bis zum Jahr 2018 das einzige Album von Axegrinder. Diese sind hervorgegangen aus der Crust Punk Band "Tyrants of Hate", die sich nach nur drei Auftritten aufgelöst hat. Beim letzten kam es zu einem Aufruhr (ausgelöst durch Diebstahl?) und so beschloß man der "Anarcho Punk" Szene den Rücken zu kehren. Es kam zu einem Stilwandel, wobei man verschiedene Einflüsse miteinander vermischt hat. Im Grunde bestanden Axegrinder aus dem selben Line-Up wie "Tyrants of Hate" nur mit einem zweiten Sänger. Der Sound war im Prinzip eine Mischung aus Einflüssen von solchen Bands wie Antisect und Amebix (also Crust und Anarcho Punk Urgesteinen) als auch Proto-Crust wie Hellbastard und Metal wie Celtic Frost oder Hellhammer. Musikalisch betrachtet ist es also langsamer metallischer Crust Punk mit Keyboard-Einlagen die ganz und gar nicht klischeehaft klingen. Was die Texte betrifft, bewegt man sich immer noch im Anarcho-Spektrum. So geht es in dem absolut fantastischen, großartigen Banger von einem Song namens "Life Chain" um das Wiedererhalten des eigenen Lebens. Die Rücknahme der Kontrolle über das eigene Leben. Freiheit vor jeglichen gesellschaftlichen Ketten, die einen festbinden und kontrollieren. "War Machine" behandelt den Gedanken in einem sinnlosen Kriegszeitalter zu leben, in welchen Menschen einander dezimieren bis irgendeiner "gewonnen" hat. In "Evilution" führt man den Gedanken weiter. Der Mensch entwickelt sich weiter als auch weitere Methoden andere Menschen zu töten. Menschheit im Full Speed Modus auf dem Weg zum Abgrund oder gegen die Wand. Im Prinzip die typischen Crust Punk/Anarcho Punk Thematiken, die man schon längst kennt. Dargeboten in einem großartigen, langsamen, doomigen (aber nicht zu doomigen) Stil. Gitarrensoli inklusive. Schleppend, aber nicht zu langsam. Maschinell aber nicht Industrial. Eher symbolisierend für zermürbende äh gesellschaftliche Systeme die Menschen vernichten. Oder so. You know what I mean.

Fakt ist, ich kannte jahrelang nur den einen Song. "Life Chain". Es ist ein großartiger Einstieg in dieses Album für mich gewesen - auch wenn es nicht der erste Song ist. Weiterer Fakt: Fantastisches Album. Ehrlich jetzt. Soundtrack zu einem fiktiven post-apokalyptischen Film in meinem Kopf. Tristesse könnte nicht besser klingen. 

9/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Life Chain, Evilution, War Machine


Montag, 14. September 2026

Album der Woche#698: Grinderman - s/t (2007)

Das erste Mal von diesem Album habe ich vor knapp 20 Jahren gelesen. Irgendwo in einer Rubrik der Zeitschrift VISIONS, natürlich. Allerdings war ich nie ein großer Fan von Nick Cave & The Bad Seeds geschweige denn seines generellen Schaffens. Irgendwann hat dieses eine Album von seiner ursprünglichen Band The Birthday Party hierhin geschafft, aber das war's auch schon. Mein Interesse wurde durch die Serie "True Detective" (mit Matthew McConaughey und Woody Harrelson) geweckt.
Im Abspann der Folge "Who Goes There?" lief nämlich das Lied "Honey Bee (Let's Fly To Mars). Das war so dreckig und gemein, dass es mir sofort gefallen hat und ich mehr davon hören wollte.

Das Albumcover passt zum Sound. Ein neongrün beleuchteter Affe und darüber eine Schrift wie auf einem Neonröhren-Schild dass über den Eingang einer hässlichen, dreckigen, versifften Kneipe hängt. Das sieht fast schon danach aus als würde es in dieser Kneipe richtig apeshit (zu Deutsch "affenscheiße") zugehen. Was dann auch tatsächlich danach klingt. Grinderman haben sich ihren Namen sehr passend ausgewählt. Die Band besteht aus Nick Cave, Warren Ellis, Martin Casey und Jim Sclavunos. Die drei Letzgenannten sind gleichzeitig auch Mitglieder der "The Bad Seeds". Doch zurück zum Album. 

Ursprünglich waren Grinderman als ein Projekt gedacht um den "Gewicht der The Bad Sees zu entfliehen". In anderen Worten: um mal etwas anderes zu machen, sich zurück zu seinen musikalischen Wurzeln zu begeben und naja, endlich mal wieder ordentlich dreckige Musik zu machen. Fachmenschen nennen das "Garagenrock", "Punk Blues" oder irgendwas mit Psychedelic. Fest steht: der Nick Cave'sche Charme eines traurig klingenden Barden fehlt nicht. Er wird allerdings in etwas anderes umgewandelt. Und zwar in den Gesang eines Leadsänger einer Band die in einer Kneipe auftritt, die hinter einem Gitter spielen muss, weil lauter Flaschen von irgendwelchen besoffenen Bikern geworfen werden. Nicht, weil sie schlecht sind - sondern weil das Publikum irgendwie aggressiv ist. So klingt auch Grinderman, jedoch eher auf die passiv-aggressive Weise. Bis auf "When My Love Comes Down", da wird es fast schon melancholisch. 

Ich glaube, ich habe so ziemlich alles gesagt, was mir dazu eingefallen ist. Es ist ein wahrlich großartiges, und ich sag's noch mal, unfassbar dreckiges Album. Danke sehr.

8/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: No Pussy Blues, When My Love Comes Down, Honey Bee (Let's Fly To Mars)


Montag, 7. September 2026

Album der Woche#697: Fear Factory - Archetype (2004)

Ich kann mich grob erinnern vor ca. 22 Jahren ein Review zu diesem Album in einer Ausgabe der Musikzeitschrift VISIONS gelesen zu haben. Der Reviewer hat kein gutes Wort darüber verloren. Aber irgendwie hat mich das gereizt. 3/10 Punkte also. Ich dachte mir damals: "Aber ich kenne die Band doch und sie sind doch gar nicht schlecht." Tatsächlich kannte ich FF schon damals vom Fernsehen und war etwas verwirrt warum sie so wenig Punkte bekommen. 


Ich weiß aus heutiger Sicht nicht ob es das letzte gute Album von FF ist oder ob danach noch vllt. 1-2 Banger kommen. Es ist das erste Album ohne Dino Cazares, bei welchem Christian Olde Wolbers sowohl Bass als auch Gitarre bedient. Ansonsten sind wir beim gleichen Line-Up: Burton C. Bell am Gesang und Raymond Herrera an den Drums. Live wurde die Band von Byron Stroud am Bass unterstützt. 

Was ich tatsächlich nicht gut finde, ist das Artwork. Also.... naja es hat einen faden Beigeschmack. Ich weiß dass ab diesem Zeitpunkt Fear Factory nichts anderes eingefallen ist. Jedes Album nach "Archetype" hatte ein Artwork welches zwei Fs gezeigt hat. In verschiedenen Formen. Das wurde irgendwann ziemlich langweilig, glaube ich.

Ansonsten haben wir ein ähnliches Schema wie bei den vorherigen Alben. Groove Metal mit Industrial Kante und cleanen als auch wütenden leicht-gutturalen Vocals. Es geht um das Internet ("Cyberwaste") bzw. die Menschen die da drin sitzen und andere Menschen bedrohen und naja irgendwie auch wieder um den Menschen in einer technisch hochentwickelten Welt. "Archetype" ist tatsächlich ein Diss gegen Dino Cazares. Er wird darin indirekt als "Infektion" bezeichnet und dass die "Seele der Maschinen" nun sich verbessert hat. Nicht nur ist es eine direkte Anspielung auf das erste Album "Soul Of A New Machine" sondern tatsächlich eine echt derbe Beleidigung. Wer bezeichnet schon andere Menschen als Krankheiten/Infektionen. Geez. Ich glaube, in "Corporate Cloning" geht es um geschmacklose Musik, die von der Industrie immer wieder kopiert und verwertet wird. Man schafft es also diesen Gedanken über Industrialisierung/Menschenverwertung in einer Maschinenwelt beizubehalten - es diesmal nicht nur als Storytelling-Methode zu benutzen sondern als Metapher. 

Der Unterschied zu den anderen Alben ist folgender: "Archetype" ist wesentlich cleaner, weniger aggressiv und man könnte fast schon sagen "weicher". Das macht es nicht schlechter - allerdings stellt sich dann die Frage: Wie zur Hölle machen die danach weiter? Weil wenn es genauso weiter geht und jedes Album sich so anhört, wird es ganz schön langweilig. Es ist ein Banger, der allerdings nicht ganz an die bisherigen Vorgänger rankommt.

7/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Archetype, Slave Labor, Corporate Clothing




Dienstag, 1. September 2026

Album der Woche#696: Napalm Death - Scum (1987)

Eigentlich hat dieses Album erst kürzlich ein Review bekommen. Allerdings ein eher kürzeres, in Rahmen einer Reviewreihe über meine .mp3-Sammlung. Bei "N" war halt "Scum" von Napalm Death, unter anderem. Aber ich finde, es hat ein ausführlicheres Review verdient.

Zunächst mal das Cover: Das Gemälde welches eine afrikanische Familie zeigt die auf einem Berg von Schädeln steht und umringt von Vertretern von verschiedenen multinationalen Firmen ist, stammt von niemand anderen als Jeff Walker - Sänger und Bassist von Carcass.


Die A- und B-Seiten des Albums könnten unterschiedlicher nichts ein. Zumindest wenn man Fan der Band ist. Die A-Seite besteht aus Aufnahmen die teilweise ursprünglich auf dem "Hatred Surge"-Demotape erschienen sind und teilweise auf Ideen von Justin Broadrick (damals noch Gitarrist) aus dem Jahr 1983. Es ist auch ein komplett anderes Line-Up (okay, beinahe) als auf der B-Seite. Zusammengefasst - Seite A: Nik Bullen (voc, b), Justin Broadrick (guit, voc) und Mick Harris an den Drums der den Begriff "Grindcore" überhaupt erst ins Leben gerufen hat. Hört sich an wie eine härtere Variante von damals bekannten Anarcho Punk Bands wie The Varukers. Es ist im Grunde genommen Hardcore Punk auf Steroiden. Völlig durchgeknallte Blastbeats, primitives Riffing und ein Sänger der sich anhört wie äh *checks notes* *seufzt* jemand der die Treppe runterfällt und dabei britisches Essen verspeist. Übrigens ist das Line-Up nicht mal das Original-Line-Up. Nik Bullen ist da schon das einzige Originalmitglied. Am Ende der Seite findet sich übrigens auch das Lied "You Suffer", das wohl kürzeste Lied der Welt mit dem wirklich tiefgründigen (keine Ironie!) Text "You suffer, but why?". Ich bin außerdem der Meinung dass die deutschen D-Beat-Legenden Recharge bei "Siege of Power" geklaut haben. Ich weiß allerdings nicht wie das deutschsprachige Pendant dazu heißt. 

Zwischen Seite A und B vergeht fast ein Jahr. Es gab interne Spannungen in der Band und so kam es zu Ausstiegen. Ursprünglich war Seite A als ein weiteres Demotape gedacht. Lirum larum: Ein gewisser Digby Pearson vom frisch gegründeten Label Earache Records wollte ein Album von Napalm Death rausbringen. Dieser war am Ende auch in Besitz der ursprünglichen Aufnahmen. Die Band war aber nicht mehr die gleiche. Sie bestand aus Mick Harris (weiterhin Drums), Bill Steer (git), Jim Whitely (b) und Lee Dorrian (voc). Übrigens: Niemand von den beiden Line-Ups spielt heutzutage bei Napalm Death. Wie auch immer: Mit dem Line-Up-Wechsel ändert sich auch der Stil. Die Band orientiert sich zwar textlich immer noch an Hardcore Punk, tendiert aber dazu sowas wie eine Mischung daraus und extremen Formen von Metal zu machen. Also wenn man schon differenzieren möchte könnte man vielleicht sagen dies wäre eine unfassbar primitive, ultrabrutale Form des Metals die jedoch keine ist. Weil eigentlich ist das Punk, der in eine völlig merkwürdige Richtung abdriftet. Super kurze Songs, noch weniger verständlicher Gesang. Diesmal hören wir zwar auch den Bauerngesang (wie bei Nik Bullen damals) allerdings viel mehr Gekreische. Insgesamt also 28 Songs in 33 Minuten. Texte über "multinational corporations", den "Wert des Menschen im Kapitalismus" und alles andere was ihr so von gewissen Crust Punk Bands so kennt. Ich bin immer noch fasziniert darüber, wie geil dieses Album ist. Wie stumpf und gleichzeitig so bahnbrechend. Essenziell.

9/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: You Suffer, Instinct of Survival, Scum, Divine Death, Moral Crusade


Montag, 24. August 2026

Album der Woche#695: Etnobotanika - Leśne duchy (2024)

Ich habe dieses Album rein zufällig durch den scheinbar völlig verrückten YouTube-Algorithmus empfohlen bekommen. Kurze Zeit später beschloss ich die Gruppe bzw. das Duo zu unterstützen und habe mir das Album auf Bandcamp geholt. 

"Leśne duchy" heißt auf Polnisch sowas wie "Waldgeister" und ist das zweite Album von Etnobotanika nach ihrem selbstbetitelten Debüt. Ich kann leider nicht sagen, wie die beiden Mitglieder heißen, da ich keine Infos finde. Fest steht aber, dass es ein absoluter Banger ist und eine großartige Empfehlung. Der Bandname als auch der Albumtitel suggeriert einen, es könnte sich um irgendeine Art Folk heißen.
Sprich irgendwas über etnische Musik und irgendwas über die Natur. Weil Botanik und so. Tatsächlich liegt man da gar nicht so falsch, wenn man die Namen so einordnet.

Musikalisch bewegen wir uns auf jeden Fall im elektronischen Bereich. Ich bin kein Experte darin, aber die Experten sagen es wäre sowas wie Downtempo, House und äh Nu-Disco. Was auch immer das letztgenannte ist. Aber ich schätze mal, eine neue Form des Disco. Ich höre auf jeden Fall sehr ruhige Beats, hin und wieder ambientige Sounds, Dub, Mundharmonika und ganz viel Hall. Es hört sich für meine Ohren definitiv nach einem halb-legalen Rave in einem dunklem Wald an. Dazu kommen noch jede Menge Samples. Ich kann nicht genau sagen, woher sie kommen - aber sie hören sich definitiv nach irgendwelchen polnischen Dokusendungen (über den Wald) oder irgendwelchen Serien (über den Wald und seine Bewohner) an. Die Songs tragen Titel wie "Der älteste Baum der Welt", "Regen Regen", "Planet Wald", "Wald Ambient", "Zauberinnen" oder "Sümpfe". 

Ich will nicht sagen, dass es sich um großartige Musik für einen Trip handelt. Aber es ist großartige Musik für einen Trip. Oder großartige, trippy Musik. Eine großartige Mischung aus Ambient, Trip-Hop, House und einer Unmenge an Samples aus polnischen Fernsehen von vor 40 Jahren. Sehr gut auf dem Weg zur Arbeit um 5 Uhr morgens wenn die Stadt komplett dunkel und still ist. Großartig.

9/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Najstarsze drzewo świata, Deszcz deszcz, Tajemnice


Montag, 17. August 2026

Album der Woche#694: King Crimson - In the Court of the Crimson King (1969)

Ich wollte dieses Album schon so lange reviewen. Und weil dieses Jahr, zumindest in dieser Rubrik, das Jahr der verpassten und aufgeholten Chancen zu sein scheint, ist es jetzt soweit. Lange habe ich auch dieses Cover immer und immer wieder in irgendwelchen Bestenlisten gesehen und war durchaus daran interessiert, zu erfahren was denn eigentlich dahinter steckt. Und es ist ziemlich viel.


"In the Court of the Crimson King" ist das erste Album von King Crimson, die im Jahre 1969 aus Robert Fripp, Ian McDonald, Greg Lake, Michael Giles und Peter Sinfield bestanden. Es ist eines der Alben, die Progressive Rock überhaupt erst ins Rollen gebracht haben. Quasi sowas wie eines der Prototypen, wobei ich fast schon behaupten würde, dass es einzigartig ist. Es ist natürlich "progressiv", sprich es legt sich nicht fest auf typische Rock'N'Roll-Rhythmen, zieht die Songs unglaublich in die Länge (bis zu 12 Minuten) und manövriert irgendwo zwischen super entspannten, ruhigen Klängen ("I Talk To The Wind") und jazzigen, abgedrehten Wahnsinn geflutet mit einer Ficktonne an Bläsern, verrückten Schlagzeugspiel und verzerrten Gesang ("21st Century Schizoid Man"). Dennoch hat Progressive Rock, im weiteren Verlauf der Geschichte des Genres durchaus typische Bestandteile der Musik, die sich nun mal etabliert haben. 

Ich bin der Meinung, dass King Crimson anders als zum Beispiel spätere Pink Floyd nicht unbedingt in den "typischen" progressiven Klang fallen. Hier steht das Genre noch am Anfang und man kann, denke ich, natürlich noch nicht "festlegen" wie es klingen sollte. Zum Glück. Das Album ist meines Erachtens eine Art Spagat zwischen großartigen Ausraster und einer nicht weniger großartigen Meditationssenssion. So ist "21st Century Schizoid Man" so ziemlich das Gegenteil zum Titeltrack. Opener und Closer stehen in meinen Ohren für das gestresste Aufwachen und beruhigte Einschlafen. Es ist faszinierend. Nicht weniger faszinierend ist die Tatsache wie viel Instrumente hierfür verwendet wurden. Alleine Ian McDonald bedient hier ein Saxophon, Flöte, zwei Klarinetten, Vibraphon, Mellotron, Orgel, Klavier und Cembalo. Und natürlich singt er auch nebenbei. Den Hauptgesang übernimmt Robert Fripp (der inzwischen irgendwelche Instagram-Reels macht wobei er unter anderem Limp Bizkit covert). Heilige Scheiße, ist das überwältigend. Ich glaube an dem Punkt ist auch das Review zu Ende.

10/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: 21st Century Schizoid Man, Moonchild, In the Court of the Crimson King


Montag, 10. August 2026

Album der Woche#693: Earth - The Bees Made Honey in the Lion's Skull (2008)

Kann mich grob daran erinnern, viel über diese Band gelesen zu haben - als auch das Gitarrist Dylan Carlson in den Schlagzeilen war, weil er das Gewehr besorgt mit welchem Kurt Cobain sich erschossen hat. Aber darum geht's hier nicht. Auch nicht, dass Earth sich letztens (Ende Januar 2026) in Italien geweigert haben neben einer Palästina-Fahne zu spielen, ich das begrüßt habe und dumme Kommentare

abbekommen habe. Darum geht's nicht. Diesmal geht es um das fünfte Album von Earth namens "The Bees Made Honey in the Lion's Skull". Ich habe seltsamerweise den Titel falsch in Erinneung gehabt und habe irrtümlicherweise geglaubt, es würde sich um einen Bären- und nicht um einen Löwenschädel handeln.

Der Titel ist ein Bezug auf eine Zeile im "Buch der Richter" im Alten Testament. Darin hat Samson einen Löwen geschlachtet und hat hinterher gesehen wie Bienen in dessen Schädel angefangen haben Honig auszubreiten. Die Songtitel beziehen sich teilweise auf das Buch "Blood Meridian" von Cormac McCarthy. 

Da ich zwar viel über Earth gelesen habe, aber bis jetzt nicht wirklich das Vergnügen hatte, mir die Band anzuhören war ich doch ziemlich überrascht. Ich erwartete eine Art Hybrid aus Doom Metal, Sludge und Grunge. Was ich stattdessen bekommen habe waren Songs mit Überlänge, die zwar ein wenig das Doom Metal Feeling rübergebracht haben, allerdings ohne schwere langatmige Riffs. Und auch ohne Gesang. Ich habe mich beim Anhören gefühlt, als würde ich den Soundtrack zu "They Live" anhören. Als würden sich die Menschen um mich herum als Nicht-Menschen entpuppen und als wäre alles irgendwie da aber auch nicht. Wenn ich ehrlich bin, lässt sich das schwer einsortieren. Ich nenne es "Undoomed Metal". Es sind dieselben Merkmale da, es ist progressiv, monoton und irgendwie auch langatmig. Allerdings fehlen jegliche Kontexte zum Weltuntergang, Cannabis oder irgendeiner Art von Depression geschweige denn irgendwelche Referenzen zu Sabbath, Pentagram usw. Im Grunde genommen ist es leicht schwere (aber nicht zu schwere) langatmige Rockmusik - die eine Hammond Orgel inkludiert und ein elektrisches Piano. Interessante Sache, das. Wirklich sehr interessant. Und unglaublich entspannend.

Anspieltipps: Miami Morning Coming Down II (Shine), Hung From The Moon
8,5/10 Pfandflaschen


Montag, 3. August 2026

Album der Woche#692: The Cure - Three Imaginary Boys (1979)

Hallo und herzlich willkommen zu einem weiteren "Album der Woche". Diesmal haben wir es tatsächlich mit dem ersten Album von The Cure zu tun, welches 1979 veröffentlicht wurde. 2029 wird dieses Album ganze 50 Jahre alt und Sänger Robert Smith wird 70. Zu diesem Zeitpunkt plant er, aufzuhören.

Wir haben es hier, auf diesem Blog, schon mit einigen Cure-Alben zu tun gehabt. Aber niemals mit dem ersten. Irgendwie war es nie in meinem Fokus. Wahrscheinlich weil kaum jemand sich daran erinnern kann oder irgendein Song davon mir bekannt war. Tatsächlich ist Robert Smith (was Bassist Michael Dempsey und Drummer Lol Tolhurst betrifft, weiß ich nicht) insgesamt sehr unzufrieden damit
gewesen. Die Plattenfirma hat nämlich entschieden, welche Songs hier drauf erscheinen werden und wie das Albumcover auszusehen hat. Es ist wirklich sehr komisch. Statt irgendwelchen psychedelischen Bildern oder gothisch anmutenden Designs haben wir es mit einer Lampe, einem Staubsauger und einem Kühlschrank zu tun. Dazu noch der Titel "Three Imaginary Boys", der sich wahrscheinlich auf die Band als Trio bezieht. Keine Ahnung.

Auch musikalisch ist das hier ganz schön anders und irgendwie auch seltsam, aber doch unverkennbar The Cure und somit auch gut. Allerdings ist man hier noch etwas weiter entfernt von Begriffen wie "Gothic Rock" oder "Neo Psychedelia". "Three Imaginary Boys" ist definitiv ein äh post-punkiges Power Pop Album, was durchaus aufgeweckt und irgendwie fröhlich klingt. Andererseits jedoch hört man dass Robert Smith zwischendurch seinen Atem holen muss und meiner Meinung nach auch dass die Songs am laufenden Band bzw. während der Aufnahmen der Songs geschrieben wurden. Sie wirken auf mich eher wie fast fertig gebrachte Skizzen. "Fire In Cairo" ist so ein Beispiel. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen einen Song mit dem buchstabierten Titel im Refrain zu füllen. Und zwar "F-I-R-E-I-N-C-A-I-R-O". Es gibt außerdem ein Cover. Jimi Hendrix Experiences "Foxy Lady", das in einer Jam Session entstanden ist. Tatsächlich gar nicht mal so schlecht, nur Michael Dempseys Stimme ist sehr ungewohnt. Wäre es nach der Band gegangen, wäre dieser Song hier gar nicht drauf gewesen. Wiederum andererseits ist "Meathook" ein Song der mit ein paar Verwurstungen wie das spätere Werk "Lovecats" klingen könnte. "Three Imaginary Boys" klingt wie eine etwas ausgereiftere Demo Kassette die deutlich besser produziert ist und trotzdem sehr nach Lo-Fi klingt. Kein Bombast, keine Keyboards, nur eine Mundharmonika als Begleiterscheinung. Irgendwie seltsam und doch faszinierend. 

8/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Meathook, Grinding Halt, Fire In Cairo


Montag, 27. Juli 2026

Album der Woche#691: Fear Factory - Obsolete (1998)

Drittes Album von Fear Factory, wenn man die Demo "Concrete" die früher mal im Schrank von Produzent Ross Robinson archiviert wurde und erst später veröffentlicht wurde, nicht mitzählt. Da ich hier der alleinige Herrscher des Blogs bin (was natürlich nicht wahr ist), habe ich beschlossen nach und nach die Fear Factory-Discography zu verwursten. Aber nicht bei "So isses, Musik!", weil da die Alben manchmal zu kurz kommen und ich irgendwann die Bands satt habe, weil ich mich an deren Musik totgehört habe. So werden bei "Album der Woche" dann und wann Fear Factory-Reviews rauskommen, bis ich auch da die Schnauze voll habe, sodass alles auf "So isses, Musik!" ausgelagert wird. Am besten dann wenn die Alben richtig mies werden. Weil irgendwann werden sie das. Naja, egal.


Drittes Album also. Davor sind "Soul Of A New Machine" und "Demanufacture" rausgekommen. Danach war "Digimortal" an der Reihe. Die Reviews sind alle da. Ihr müsst nur auf die Hyperlinks klicken. So. "Obsolete" ist tatsächlich ein Konzept-Album, während die Alben davor nur grob das Konzept "Mensch vs. Maschine" umrandet haben. Ich habe mir überlegt ob der Titel nicht auf die Überflüssigkeit des Menschen in einer von Maschinen regierten Welt anspielt. Natürlich geht es darum. Die Handlung der Story spielt sich ab im Jahre 2076 als die Maschinen beinahe komplett die Welt erobert haben. Der Mensch hat die Maschinen gebaut um sein Leben zu erleichtern, nun ist der Mensch selbst überflüssig geworden. Es ist eine explosive Mischung aus "1984", "Brave New World" und "2001". In der Erzählung existiert eine Weltregierung namens "Securitron", die alle Menschen überwacht und die "Police 2000" sind ihre Einsatzkräfte. Die Story heißt "Conception 5" und wurde von Sänger Burton C. Bell in nur zwei Wochen geschrieben. Sie ist tatsächlich in drei Kapitel unterteilt, die jeweils "Scene" heißen. So existiert das Album in drei Abschnitten mit jeweils passenden Songs. Der Hauptprotagonist ist der Anführer der Revolution der Menschen, der sich "Edgecrusher" nennt. Da werden Erinnerungen wach an einen gewissen Film von James Cameron. Mir fällt nur der Name nicht ein. "Edgecrusher" ist wohl auch einer der bekannteren Songs von diesem Album. Darin spielt Christian Olde Wolbers einen Kontrabass und es sind Turntable-Scratches zu hören. Ich kannte den Song von einer gewissen "Hörsturz"-Compilation, die ich mir vor Ewigkeiten in einer Bücherei ausgeliehen habe. Zum Glück besitzt Marlyn die besagte Compilation und irgendwann wird es auch zu ihrer CD-Sammlung Reviews geben, aber das nur so am Rande.

"Obsolete" ist ein Nu Metal/Industrial Metal/Groove Metal Konzeptalbumgigant voll mit Maschinensounds, hammergeilen Riffs, Growling und melodischen Gesang. Es erzählt eine Story und gibt sich ordentlich Mühe nicht 08/15 zu klingen. Auch wenn FF gewissermassen einen Sound etabliert haben (gewisse Kritiker nannten das "Ministry meets Slayer", ich bin da allerdings anderer Meinung) und diesen fortführen, wirken sie auf diesem als auch auf dem Nachfolgealbum ganz und gar nicht ausgelaugt oder irgendwie beliebig. Es muss noch einiges in der Bandkonstellation geschehen, sodass alles beschissen und austauschbar klingt. Das hier ist noch sehr originell und innovativ. Ich liebe es, wie der tieftraurige Abschlußtrack "Timelessness" das Album beendet - nur damit dieses in dem Bonustrack "Cars" (Cover von Gary Numan mit selbigen als Gaststänger) fortgesetzt wird. Ich könnte noch was zu den anderen Bonustracks sagen, aber ich lasse es. 

9/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Edgecrusher, Cars, Timelessness, Descent, Shock


Montag, 20. Juli 2026

Album der Woche#690: Sneaker Pimps - Bloodsport (2002)

Es war einmal vor über 20 Jahren. Ich saß vorm Fernseher bei meinen Großeltern in St. Petersburg und habe MTV geguckt. Es lief eine Sendung, die übersetzt "Musical Reading" heißt. Darin wurden Musikvideos gezeigt und dazu gab es eingeblendete Infos zu den Artists - ähnlich wie später Annotations bei YouTube-Videos. Zu sehen war der Track "Otwet" ("Antwort") von DJ Groove. Darin

hat sich der Moskauer DJ Groove über nervige Leute aufgeregt die ihn auf Parties aufgefordert haben absolut nervige Scheißmusik abzuspielen. Durch diese Annotations habe ich herausgefunden, dass die britische Trip-Hop-Band Sneaker Pimps ihn auf dem Cover zu ihrem 2002er Album "Bloodsport" abgebildet hat. Ich hatte dieses Album auch einmal in der Hand und es stimmte tatsächlich. Im Booklet wird er auch erwähnt. Jedoch kam es irgendwie nie dazu, dass ich mir das Album angehört habe. Außerdem gab es mal eine Collabo zwischen Sneaker Pimps und einen äh bekannten US-Künstler auf dem Soundtrack zu "Spawn", sodass ich mir etwas vollkommen anderes als der Inhalt dieses Albums hier vorgestellt habe.

"Bloodsport" ist das ingesamt dritte Album von Sneaker Pimps, welches zwar Anklang bei den Fans fand, allerdings bei den Kritikern eher durchgefallen ist. Wenn man sich das Cover und den Titel anguckt, könnte man denken dass es ein irgendwie aggressives Album ist. Dazu kommt noch, dass ich durch einen Printfehler bei einer anderen Bootleg-Kassette die Sneaker Pimps mit dem DJ-Duo "The Dust Brothers" verwechselt habe. Stattdessen haben wir es mit einer Band zu tun, die (Akkustik)-Gitarren, Sampling, Drums verwendet. Am Gesang sind Chris Corner und Gastsängerinnen Sue Denim und Zoe Durrant. Davor war Kelli Ali die Sängerin, hat allerdings die Band verlassen - vielleicht war es auch einer der Gründe für die schlechten Kritiken bzw. die Umstrukturierung der Band. Chris Corner wollte außerdem die eigenen Songtexte singen. Im Kern ist das hier schon Trip-Hop: leicht psychedelische Beats, die allerdings mit langsamen Gitarrenriffs und leicht leidenden Gesang von Corner übersät sind. Ich würde schon sagen, dass es wie eine rockige Version von Trip-Hop klingt bzw. würde man die Gitarren und den Gesang weglassen würde es durchaus als das durchgehen. Es ist auch ganz und gar nicht aggro, wie der Titel vermutet - dieser erinnert nämlich an diese Kampfsport-Filmreihe mit Jean Claude Van Damme. Hier heißt es "Love is just a bloodsport" (im Titeltrack). 

Ich muss sagen, dass es irgendwie eine merkwürdige Mischung ist. Mit Trip-Hop verbinde ich größtenteils entweder männlichen Sprechgesang oder eine beruhigende und einfühlsame weibliche Stimme. Nicht einen Typen der durchaus singen kann und irgendwie traurig klingt. Mir gefällt es wie Corners Stimme mal mit den Beats kollidiert und mal außerhalb der Beateinsätze erklingt. Erinnert mich irgendwie an diverse Britpop-Bands die damals in waren bzw. an eine gewisse Band, die vor kurzem sich potthässlich auf der Bühne benommen hat. Aber darum geht's jetzt nicht. Ist ein wirklich großartiges, träumerisches Album. Mag ich, liebe ich fast.

8,5/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Kiro TV, Loretta Young Silks, M'Aidez, Black Sheep


Montag, 13. Juli 2026

Album der Woche#689: Profanatica - Rotten Incarnation of God (2019)

Ich habe Profanatica Ende 2018 (?) als Support von Rotting Christ und Watain im Bochumer Matrix Club live gesehen. Seitdem wollte ich dieser Band unbedingt mal ein Review schenken. Alleine schon weil sie diese albernen Hüte getragen haben und ausgesehen haben wie Zwerge. Der Sänger (und Schlagzeuger) Paul Ledney war dabei der größte Zwerg von allen und sah aus als wäre er um Meilen höher als die anderen beiden. Würde er aufstehen, wäre er bestimmt 2 Meter groß gewesen. Das war sehr surreal.


Surreal ist auch dieses Album. Es ist wahrlich nicht das beste (Black) Metal Album der Welt und es ist wahrscheinlich nicht das beste Review dazu. Profanatica leben von purer Monotonie und Stumpfsinn. Es dominiert immer der gleiche Schlagzeugrhytmus. Immer der gleiche. Klopf klopf klopf klopf. Nicht die gleichen, aber doch immer wieder genauso monotonen Gitarrenriffs. Man nennt das Blackened Death Metal für den stumpfen Kerl. Zumindest in meiner Vorstellung. Hin und wieder hört man sowas wie ein Breakdown (der es wahrlich in sich hat). Profanatica machen keine Musik für Menschen, die sich nach Innovation bei Black Metal sehnen. Sondern eher für diejenigen Liebhaber des Genres die auf stumpfe Provokation und ebenso stumpfe musikalische Untermalung stehen. Gerade aber die langsamen Parts, die sehr death metallisch klingen haben es tatsächlich in sich. Sie sind wirklich cool. Ich mag auch den unverständlichen, krächzenden Gesang der größtenteils als Untermalung dient. Ich konnte sogar die ersten beiden Songs nicht voneinander unterscheiden. Das spricht nicht gerade für diese Band. Auch diese ganzen grenzdebilen Titel wie "Broken Jew" (natürlich geht es um Jesus und nicht um Antisemitismus, der Songtext ist nur zwei Zeilen lang), "Tithing Cunt" (uuuuh), "Sacramental Cum" (lol) oder "Mocked, Scourged and Shit Upon") (lmao) sprechen nicht gerade für die Band. Man hat sie sich entweder zusammen gewürfelt oder eine Abstimmung per Dartscheibe gemacht. Oder ein trainierter Affe hat auf die Titel auf dem Papier geschissen oder so. Gegen Ende wird es tatsächlich etwas spannender. Das kurze "Eucharist in Ruin" ist wirklich der beste Song hierauf. Man besinnt sich auf das ursprüngliche Thema von Black Metal: Blasphemie in jeder Hinsicht. Mehr ist das nicht. Es ist aber so hohl, dass es tatsächlich Spaß macht. Aber auf längere Sicht könnte ich mir das nicht geben. Aber es macht Spaß.

5/10 Pfandflaschen

Anspieltipps: Eucharist in Ruin, Liturgy of Impurity


Montag, 6. Juli 2026

Album der Woche#688: Bomfunk MC's - In Stereo (1999)

Ich erinnere mich noch sehr gut. Ein Kindheitsfreund von mir, nennen wir ihn D., war damals absolut begeistert von dem "In Stereo"-Tape dass er hatte. Außerdem war er ein großer Freund von Breakdancing. Mittlerweile hat er in einer Metalband gespielt und hoffentlich spielt er noch in seiner Punkband. Ich grüße dich, wo auch immer du grade sein magst.

"In Stereo" ist das Debütalbum von Bomfunk MC's (diesen Apostroph habe ich nie verstanden), eines Hip-Hop-Duos aus Turku, Finnland. Sicherlich sind einige Songs von hier nicht unbekannt. Allen voran "Freestyler", "B-Boys & Fly Girls" oder "Sky's the Limit". Über den letztgenannten haben wir uns in der Grundschule ordentlich lustig gemacht. Der Typ der den Refrain singt ist Kärtsy Hattake von der

finnischen Rockband Waltari. Er klingt als hätte man ihn irgendwie dazu gezwungen. Aber genug davon. "In Stereo" ist ein gekonnter Mix aus Breakbeat, Techno, Drum and Bass und Hip-Hop. Reimtechnisch orientiert sich B.O.W. (Brother of Words aka Raymond Ebanks) an 1980er Hip-Hop, dessen Hörer auf Pappe (nicht das was ihr denkt) gebreakdanced haben. Die Reime sind simpel und durchaus generisch. Es geht die ganze zeit um "rock rocking the spot", "the mic I will rock" oder "rock the microphone" als auch andere Formen der Selbstdarstellung. Tatsächlich geht es aber auch um die Musik. So wird diese in den lyrics als "funky flow" der einen die Kontrolle verlieren lässt dargestellt. Ich glaube, dass Bomfunk MC's die einzige Gruppe sind die in einem Song sowohl sich selbst als auch den Albumtitel erwähnen. So heißt es in "In Stereo": "It really makes me lose controlBomfunk MC's in stereo".

Das Album ist ein durchaus wilder Mix aus schamloser Selbstdarstellung, sich ständig wiederholenden Lyrics und großartigen Musikgenres. DJ Gizmo macht wirklich höllisch gute Arbeit und macht B.O.W.s teils echt cringige Lyrics durchaus genießbar. Es ist ein Produkt seiner Zeit als man sich für so gut wie gar nichts geschämt hat. Man muss es so betrachten: Kaum jemand hat die Lyrics von "Freestyler" wirklich verstanden und es war auch gut so. Und selbst wenn man sie sich heutzutage durchliest und versteht, dass es tatsächlich ums "Freestylen" geht und darum dass man ein krasser Lyricist ist müsste man doch eigentlich innehalten und denken "ach...ist doch egal, rakamakafon". Es ist nicht alles gold hierauf. Einige Songs sind wirklich fürchterlich kringelig. Aber die Beats machen es wieder wett. Und selbst wenn es kringelig ist, ich hatte wirklich sehr viel Spaß beim Hören. Vor allem weil es für mich insgesamt doch ein Novum ist. Bis auf die oben erwähnten Tracks kannte ich hiervon nämlich gar nichts.

Anspieltipps: Freestyler, B-Boy's & Fly Girls, Rocking Just To Make You Move
7/10 Pfandflaschen


Freitag, 3. Juli 2026

Album der Woche#687: Дельфин - Не в фокусе (1997)

Wichtige Info zuerst:
Es gab nach der Blogpause im April einen kleinen organisatorischen Fehler. Aus Versehen habe ich die Pause eine Woche länger durchgezogen. Somit ist das "Album der Woche", "Comic Book Review" und "Film der Woche" die in der ersten Maiwoche erscheinen sollten, erst eine Woche später erschienen. Logischerweise hat sich dann alles verschoben. Damit ich nicht Anfang Oktober (den Halloween-Monat SHOCKTOBER wohlgemerkt) nicht immer noch "normalen" September-Content veröffentliche, habe ich beschlossen diesen Fehler JETZT auszubügeln. Und zwar erscheinen in der Woche vom 29.06.-05.07.2026 ganze zwei "Alben der Woche", zwei "Comic Book Reviews" und zwei "Filme der Woche". Das hier ist das zweite "Album der Woche". Here we go:

Um es in lateinischen Buchstaben auszudrücken: Das Album heißt "Ne w fokuse" also "Nicht im Fokus". Es ist das erste Solo-Album des russischen Künstlers Andrey Lysykov aka Delfin. Oder Dolphin, um es auf Englisch auszudrücken. Lysykov war ursprünglich Breakdancer (und Matrjoschka-Verkäufer) auf dem berühmten Arbat in Moskau und gleichzeitig auch Mitglied und Hauptsongwriter der Alternative Rock Band "Dubovyi Gaaj" (auf Deutsch "Eichenlaub), die schon Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger Rap-Elemente in ihre Songs eingebracht hat. Doch das Projekt wurde unterbrochen, weil...Lysykov Mitglied in einer Boyband wurde. Diese hieß "Maltschischnik" ("Junggesellenabschied"). Er selbst war auch da Hauptsongwriter und hat radikal die musikalische Ausrichtung verändert. So wurde aus einer Boyband eine provokative Rapcrew mit anstößigen, sexuell anrüchigen Lyrics. Der Song "Sex Non-Stop" war eine gewollte, stumpfe Provokation. Die Öffentlichkeit war schockiert und die Aufmerksamkeit war da. Ursprünglich sollte "Ne w fokuse" ein weiteres Album der Gruppe werden. Allerdings sind die beiden anderen Mitglieder, Mutabor und Den, eher selten im Studio aufgetaucht und überhaupt war man am Ende der Meinung, dass die Band sowieso hin ist. So hat Delfin das meiste aufgenommen und der Rest wurde verworfen. Auf diese Art entstand sein erstes Solo-Album.

Es handelt sich um ein Hip-Hop-Album mit Elementen von Trip-Hop. Der Titel ist eine Anspielung auf die Tatsache, dass Menschen die Drogen konsumieren sich nicht "im Fokus" befinden. Ihre Aufmerksamkeit gilt anderen Dingen, sie sind geistig nicht wirklich da. Der Opener des Albums, "Diler" ("Dealer") zeigt alles aus der Perspektive eines Drogendealers. Es heißt, zusammengefasst: "Oh ja, ich bin ein fieser Typ, doch ich kann mir das erlauben (...) du wirst mir all dein Geld geben und mich

angucken, als wäre ich so ein Arschloch (...)". Oder im Grunde: Ich bin schlecht für dich, doch du wirst immer wieder kommen und du kannst nicht anders. "Wojna" ("Krieg") handelt von einem inneren Krieg gegen sich selbst. "Delfin" ist eine Art Metapher auf Lysykovs Leben und erzählt eigentlich die Story vom Leben des letzten Delfins in einem Ozean. "Ja lyublyu ljudej" ("Ich liebe Menschen") ist ein Disstrack gegen all diese Leute die "einen in einer merkwürdiger Weise Danke sagen" bzw. "viel zu viel von sich selbst halten". Der Song ist voll mit Beleidigungen und als dieser das erste Mal live performt wurde, war ein Fernsehsender dermaßen schockiert, dass er viel zu spät die Übertragung abgebrochen hat. 

"Ne w fokuse" bietet typischen Hardcore Rap der in den 1990ern in Russland populär war. Allerdings ohne jegliche Poserscheiße oder "Gangster"-Getue. Viel eher beschäftigt sich Lysykov mit persönlichen Geschichten die er mal mehr mal weniger direkt verwurstet. Die Beats sind mal trip-hop-chillig mal "rock"-artig bzw. gitarrenlastig. Entweder rappt er ebenfalls auf eine entspannte, fast schon apathische Art oder allerdings auf eine passiv-aggressive. Man merkt ganz eindeutig, dass das Album beinahe in Eigenregie entstanden ist und er einfach das gemacht hat, worauf er Lust hatte. Bis heute ist Delfin zwar ein anerkannter Künstler, allerdings kein Teil irgendeiner russischen "Künstler-Elite". Das heißt, dass er bis jetzt keine direkten, eindeutigen Worte über den Angriff Russlands auf die Ukraine gefunden hat. Zwischen den Zeilen, in früheren Interviews, merkt man aber eindeutig dass er gegen eine Militarisierung der russischen Gesellschaft ist. Ein wirklich herausragendes Lo-Fi-Album, dass trotzdem höllisch gut produziert klingt. 

8,5/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Ja lyublyu lyudej, Diler, Vera, Wojna


Montag, 29. Juni 2026

Album der Woche#686: Santana - Supernatural (1999)

Erinnere mich relativ gut daran, wie "Smooth" im Fernsehen lief und meine Oma das gut fand bzw. mein Vater ihr erklärt hat, wie man den Titel ausspricht. 

"Supernatural" ist das 18. Studioalbum von Santana, benannt nach Bandgründer Carlos Santana, einer Legende unter den Gitarristen, bekannt für das Schaffen des Latin Rock. Mehr als bekannt, natürlich. Ich war leider niemals ein großer Fan - auch wenn mir die Musik schon mal dann und wann gezeigt wurde. Weiß noch genau, dass mein Opa sich einst über ein Geschenk meiner Mutter - eine Tchibo-CD namens "Best of Santana" oder so - sehr gefreut hat. "Black Magic Woman" war sein Jam, wie man das heute sagen würde.


Egal. Jedenfall ist "Supernatural" ein völlig neues Konzept - für damalige Zeit. Es ist kein Sampler, schon ein ganzes Album. Allerdings gibt es auf jeden Song einen Gastpart bzw. wurde der jeweilige von dem Gast (mit)geschrieben, wenn ich das richtig verstanden habe. Dadurch entsteht das Gefühl, man würde sich einen Sampler anhören, weil die meisten Songs in unterschiedliche Stile einzuordnen sind. So bewegt man sich zwischen Latin Rock, Blues Rock, Alternative und Hip-Hop. Die dadrauf zu hörenden Gäste sind u.a. die Band Maná, Dave Matthews (von dieser Band die so heißt wie er), der ehemals rappende Everlast (ex-House of Pain), Rob Thomas von Matchbox Twenty, Lauryn Hill und Cee-Lo Green als auch das R&B Duo The Product G&B. Letztere sind auf dem Song "Maria, Maria" zu hören, der irgendwann später vom Produzenten DJ Khaled verwurstet wurde. Achja, Eric Clapton ist auch zu hören.

"Supernatural" ist ein fantastisches, super eingängiges und abwechslungsreiches Album. Es hat Pop Appeal und hat gleichzeitig was kerniges, natürliches an sich. Es ist die Idee eines Veteranen der mehrere "junge" Talente um sich versammelt als auch alte Bekannte und zusammen etwas fantastisches aufnimmt. Böse Zungen würden behaupten, das Album wäre inkonsistent und nicht aus einem Guss. Als wäre es, wie schon oben erwähnt, ein Sampler oder derartiges. Doch ich finde, dass es eben diese Konsistenz aufweist. Der einzige Song der wirklich sehr heraussticht ist "Do You Like The Way" (mit Cee-Lo Green und Lauryn Hill), weil er halt ein Hip-Hop Track ist. Den Rest verbinden die fantastischen Gitarrensoli von Santana, eine Ficktonne an Instrumenten (die ich hier gar nicht aufzählen werde) die typisch sind für Latin Rock bzw. südamerikanische Musik generell. Es ist wie eine gut sortierte Eisdiele mit verschiedenen Geschmäckern, die allerdings eins gemeinsam haben: Sie wurden von einer legendären italienischen Eismanufaktur hergestellt - oder wie hier der Fall ist von einer lateinamerikanischen. 

9/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Maria Maria, Put Your Lights On, Smooth, (Da Le) Yaleo, Corazón Espinado


Montag, 22. Juni 2026

Album der Woche#685: Screaming Trees - Dust (1996)

Ich bin auf dieses Album nur aufmerksam geworden, weil Philipp es ganz kurz mal eingestreut hat. Es ist das letzte Album der Screaming Trees, deren Sänger Mark Lanegan wohl auch aufgrund seiner Solokarriere nicht unbekannt ist. Alles was danach kam waren irgendwelche Best-Ofs und Compilations. Laut Musikmedien das bis dahin beste Album der Band - und wie schon gesagt, das letzte bevor sie sich im Jahre 2000 offiziell aufgelöst haben.


ST stammten aus Washington - dem Bundesstaat, nicht der Hauptstadt. Also könnte man sie ganz gut in Verbindung bringen mit all diesen Bands in Holzfällerhemden die über fürchterliche Teenage Angst, Suizid-Gedanken und das Gewicht der Welt auf den eigenen Schultern singen. Doch die 1986 gegründeten Screaming Trees haben zwar auch Grunge gemacht, der Fokus lag aber auch auf anderen Subgenres. Garage Rock, Psychedelic Rock und irgendwas was man irgendwie in den 1990ern als Alternative verbuchen könnte. "Dust" hat nichts von yarlenden Gesang, keine schreddernden Gitarren, kein Garage/Punk Rock Feeling. Wir bewegen uns irgendwo zwischen Lagerfeuer-Romantik, Winterdepression und der Hoffnung auf einen neuen Morgen. So klingt es für mich zumindest.

Man versucht äußerst vielfältig zu klingen und es funktioniert. Psychedelische Gitarren, eindringlicher cleaner Gesang der einen glauben lässt, er würde in eigenen Kopf entstehen. Die Auswahl an Schlagzeug bzw. Trommelinstrumenten ist äußerst vielfältig: Conga und Djembe. Es gibt eine Sitar zu hören als auch einen Cello. Ich mag Streicher tatsächlich sehr gerne und begrüße hiermit ihren Einsatz. Screaming Trees klingen als hätten sie all den 1970er Hard Rock und 1960er Psychedelia konsumiert und beschlossen alles in einem moderneren Gewand aufzunehmen. Hätte ich ein Auto und würde auf einer menschen/autoleeren Autobahn fahren, dann würde ich das wahrscheinlich hören.

Anspieltipps: Gospel Plow, Traveler, Halo Of Ashes

8,5/10 Pfandflaschen


Montag, 15. Juni 2026

Album der Woche#684: Ляпис Трубецкой - Рабкор (2012)

Ich erinnere mich noch ganz gut an Ljapis Trubezkoi. Die Band benannte sich nach einem Character aus dem Roman "12 Stühle" (von Ilja Iljif und Jewgeni Petrow). In den 1990ern und Anfang der 2000er war sie sehr populär in ihrer Heimat Belarus, Ukraine, Russland und anderen Ländern der GUS. 


Besonders ins Auge bzw. Ohr ist mir damals der Song "Au" aufgefallen. Es war eine Coverversion eines nicht unbekannten sowjetischen, russischsprachigen Schlagers, wenn ich mich recht entsinne. Im Video dazu wurden lustig wirkende Effekte eingesetzt und insgesamt machte die Band auf mich den Anschein als würde sie generell witzig sein wollen. Erinnere mich auch nur grob an ein paar andere Songs die auf MTV Russia liefen. Irgendwie war alles sehr humoristisch angehaucht. Nachdem ich schon Ewigkeiten nicht mehr in Russland war und auch nur die paar wenigen Bands aus meiner Kindheit weiter gehört habe, bin ich vor ein paar Jahren wieder auf "Ljapis" gestoßen. Und zwar auf das Video zu "Schelesnyj" (aus Stahl gemacht). Darin war die ganze Band in einer tristen Lagerhalle zu sehen. Sänger Sergej Michalok ist plötzlich nicht mehr der etwas dicke langhaarige lustige Typ. Stattdessen sehen wir einen trainierten, teils oberkörperfreien, angepissten Mann mit rasierten Kopf der über seine Kindheit im Altaj spricht und dass er eigentlich längst tot sein sollte. Schon vor zwanzig Jahren. Er hätte zwischen Steinen liegen sollen, schon längst. Darum sollte er keine Angst vor "diesen dummen Schweinen" haben und erst recht keine Angst um seinen aus Stahl gemachten Arsch.

Tatsächlich gab es eine Art Politisierung der Band. Seit 2011 haben sie ein Auftrittsverbot im diktatorisch regierten Belarus. Ich würde mal sagen, dass die Politisierung schon vorher statt gefunden hat. Auch musikalisch und textlich hat sich einiges verändert. So bewegt man sich nicht mehr im poppigen Comedy-Rock sondern irgendwo zwischen Ska-Punk und Hardcore. Mit Elementen von Dub und Reggae. "Rabkor" ist meiner Meinung nach ein Neologismus zwischen dem russischen Wort "Rab" (Sklave) und "Core". Es ist das erste Mal für mich, dass ich Songs auf Belarusisch höre. "Ne byt' Skotam!" (Kein Vieh sein) ist eine Vertonung eines Gedichts des belarusischen Dichters Janka Kupala. Darin geht es um die Grundbedürfnisse des Menschen, unter anderem "kein Vieh sein" sondern ein selbstbestimmter Mensch. Kupala ist auch der Urheber der Losung "Zhyve Belarus!" ("Es lebe Belarus!"). Ähnlich geht es auch später weiter in "Ubej Raba!" ("Töte den Sklaven"). Im Prinzip bedeutet es "töte den Sklaven in dir" bzw. "steh für deine Rechte auf". "Putinaroda" ("Wege des Volkes") behandelt satirisch das "Streben des Volkes nach Freiheit". Die Freiheit wäre dann "Wurst, Gas, Erdöl, Beförderung, Mindestlohn".

Meines Erachtens ein sehr abwechslungsreiches, politisch vertretbares und gleichzeitig sehr kurzes Album. Grade mal 35 Minuten. Professionell Revolutionäre Musik. Weckt Gefühle auf wie Wut, Selbstbewusstsein, Freude als auch Trauer. Besonders positiv möchte ich hervorheben, dass auch das Gefühl vertont wird, alleine in einer völlig brutalen Welt zu sein. Hilflos, als wäre man ein kleines Kind ("Liliput").

9/10 Pfandflaschen
Anspieltipps: Rabkor, Ne byt' Skotam!, Zhelesnyi, Putinaroda